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| Interview - Deutsch | |
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„Film und Fernsehen“ (3/ 93) Interview mit Don Askarian & M. Woskanjan (Erika Richter)
EINE LOBBY FÜR DIE REINHEIT DER KINEMATOGRAFISCHEN SPRACHE SCHAFFEN
Mit dem armenischen Regisseur Don Askarian und seiner Produzentin und
Verleiherin Margarita Woskanjan sprach Erika Richter
Erika RICHTER: Ich habe Ihre beiden Filme »Komitas« und »Avetik«, die jetzt in die deutschen Kinos kommen, mit hohem ästhetischem Vergnügen gesehen. Zugleich bekam ich das Gefühl, daß auf Ihnen eine große Last, nämlich das Schicksal ihres Volkes, liegt. Ist für Sie das Filmemachen so etwas Ähnliches wie eine Therapie? Don ASKARIAN: Film ist ein Mittel, die Realität auf filmische Weise zu erforschen und ein künstlerisch wahrhaftiges Bild zu schaffen. Das ist ambivalent. Einerseits wird die subjektive Erfahrung sehr stark in diese Arbeit einbezogen, aber andererseits darf man bei dieser Arbeit nicht launisch werden, Stimmungen unterliegen. Die künstlerische Arbeit ist sehr präzise und erlaubt keinen Voluntarismus. Sie ist vielleicht noch präziser als wissenschaftliche Arbeit. Und in dem Sinne haben meine eigene Befindlichkeit, mein Humor, meine Freude am Leben, mein Vergnügen an einem scharfsinnigen Gedanken wenig mit meiner Arbeit zu tun, die eigenen Gesetzen unterliegt. Film hat nichts mit Therapie zu tun. Ich bin ein gesunder Mensch, ich brauche keine Therapie. Film als Therapie würde ich als etwas Negatives empfinden, diese Arbeit ist mir einfach zu wichtig. Es geht da um ganz andere Dinge. Als ich »Komitas« machte, hatte ich zum Beispiel das Gefühl, daß ich einfach bestimmte Informationen, die mich erreichten, in eine kinematografische Form weiterleiten mußte. Dabei war ich als Person nicht so wichtig. Erika
RICHTER:
Wie kommen diese Informationen zu Ihnen? Don
ASKARIAN:
Wie sich eben ein Fluß ernährt, aus vielen Quellen. Erika
RICHTER:
Bei den Deutschen wird vieles aus der Geschichte einfach weggedrängt.
Wenn ich Ihre Filme
sehe, komme ich zu der Meinung, daß die armenische
Geschichte für Sie ganz wichtig und absolut gegenwärtig sein muß. Don
ASKARIAN:
Diese
Geschichte ist für mich Material, das ich benütze, weil ich es besser
kenne als anderes. Die künstlerische Arbeit wird für mich sehr von der
Form bestimmt. Also nicht nur Thema und Handlung, sondern Urinhalte und
Formen - das ist das Wichtige. Bestimmte kinematografische Formen erzeugen
an sich schon Inhalte, und bestimmte Inhalte verlangen nach bestimmten
Formen. Das muß alles ganz präzise sein. Ich habe an einer Stelle einmal
etwas vergnüglich geschrieben: Die Arbeit eines Künstlers kann präziser
sein als die eines Kernphysikers. Viele Leute haben die Vorstellung vom
chaotischen oder anarchistischen Künstler, der alles macht, was ihm in
den Sinn kommt. Ich empfinde das ganz anders. Die Formen verlangen nach
wahnsinnig präzisen Lösungen. Ich benutze natürlich meine persönliche
Erfahrung. Ohne sie kann man nicht genau arbeiten. Und Emotionen spielen
dabei eine große Rolle -jetzt scheine ich mir zu widersprechen. Sie sind
eine Art Instrument, mit dem man die Arbeit kontrollieren kann. Die künstlerische
Arbeit kann man ja nicht mit Geräten abmessen. Man macht sich selbst
zu einem Gerät und mißt an sich, am eigenen ästhetischen Gefühl, die
gefundenen Lösungen. Erika
RICHTER:
Besonders beeindruckte mich an Ihren Arbeiten, daß Sie einen Abscheu
gegen Banalitäten haben und nach klaren, reinen Formen suchen, daß Sie
versuchen, die Dinge wieder auf die ursprünglichen Werte des Menschen
zurückzuführen, und die sind ja ganz einfach. Wie kommen Sie auf
bestimmte Lösungen? Zum Beispiel bekommt eine Wand eine große Bedeutung,
der Regen rinnt herab, die Struktur der Steine, ihre Farben etc. ändern
sich. Waren Sie sich von
Anfang an darüber bewußt, daß die Materialität
der Dinge in Ihren Filmen eine so große Rolle spielen wird? Don
ASKARIAN:
Zuerst einmal: Die kinematografische Wahrheit ist total anders als sagen
wir die literarische. Zum Beispiel liest man eine geniale Formulierung in
einem Buch, oder meine Protagonisten sprechen wunderbare Prosasachen von
anderen Autoren, aber wenn man es dann direkt verfilmen würde, bekäme
man eine filmische Banalität, es ist nur im Buch, als sprachliche
Formulierung, phantastisch. Wie ich auf bestimmte Lösungen gekommen bin?
Ich sagte ja schon, daß man selbst zum Instrument wird, mit dem man eine
bestimmte kinematografische Qualität ermessen kann. Manches kann ich
nicht erklären. Einige Bilder sieht man und spürt sofort, daß in
diesem Bild Film liegt. Oft hat man auch Pech und sieht, nachdem man das
geprüft und sogar gedreht hat, daß es doch nicht so ist. Aber wenn man
Glück hat, arbeiten einige Bilder. Einige Sachen kommen aus persönlichen
Erfahrungen, andere aus Erfahrungen von anderen Menschen. Erika
RICHTER:
...vielleicht von Ihrem Großvater,
dem Sie »Avetik« gewidmet haben? Ich
vermute, daß er Ihnen einiges erzählte. Don
ASKARIAN:
Mein Großvater hat überhaupt nicht gesprochen. Man braucht ja nicht
unbedingt zu sprechen, um etwas zu vermitteln. Besonders heute, wo das
Wort eigentlich absolut abgewertet ist. Mein Großvater hat sich für
seine Frau geschämt, wenn sie zu viel sprach. Meine Großmutter war nämlich
eine sehr gastfreundliche Person, und wenn sie einen lieben Gast hatte,
stellte sie alles, was sie hatte, auf den Tisch und erzählte auch alles,
was sie bewegte. Ich habe »Avetik« meinem Großvater gewidmet, weil er
eine menschliche Würde hatte, die mir sehr sympathisch war und die nicht
mit Reichtum oder Machtposition oder anderen äußerlichen Sachen
verbunden war. Diese Würde war ihm von der Natur gegeben, und die bewahrte
er bis zum Ende. In doppelter Sklaverei geboren - so könnte man schon
sagen -, hatte er vielleicht mehr menschliche Würde als Präsidenten oder
andere Mächtige. Als man mich in den Knast steckte, weil ich kein Soldat
in der Roten Armee sein wollte - ich bin nach 1945 geboren, und die Rote
Armee hatte für mich als Armenier nach den Ereignissen in Ungarn und in
der Tschechoslowakei kein positives Bild -(übrigens war dieser
armenisch-sowjetische Knast eine wichtige Erfahrung für mich, da traf
ich viele interessante Menschen), da war meine Familie ziemlich empört,
daß einer von ihnen, nämlich ich, im Knast landete, weil sie Angst
hatten, daß das auf ihre Reputation negativ abfärbt, denn es war im
Prinzip eine machtbewußte Familie mit ziemlich vielen Direktoren und
anderen Funktionären etc. Aber mein Großvater sagte, als ich nach Hause
kam, ohne jegliche Pathetik: Ein Mann sollte auch einmal im Knast gewesen
sein. Das hat mir gefallen. Erika
RICHTER:
Ich dachte, daß man einige der Bilder, die in Ihrem Film sind,
doch vielleicht aus Erzählungen anderer erfahren haben müßte. Ein Beispiel:
Der alte Mann sitzt im Eis,
ein totes Schaf hängt in die Tiefe, und die
Felsen sind tiefrot, so daß man sich vorstellt, daß furchtbar viele
Tiere oder vielleicht auch Menschen geschlachtet worden sind ... Don
ASKARIAN:
...der Felsen ist nicht blutrot, sondern eher orange-rot, das hat eine natürliche
Ursache, es fließt ein Wasser darüber, das zu viel Eisen hat. Ich würde
eine Vermischung von Wasser und Blut - siehe die persische Fontäne in
Teheran - geschmacklos finden. Generell fließt im Film zu viel Blut.
Ich habe es geschafft, in den beiden Filmen über den Genozid meines
Volkes zu erzählen,
ohne
einen Tropfen vergossenen Blutes zu zeigen. Erika
RICHTER:
Aber die Phantasie arbeitet in diese Richtung.
Don
ASKARIAN:
Sicher, aber man muß auch genau hinsehen, muß unterscheiden zwischen dem
Rot des Blutes und dem Rot des Wassers, das zu viel Eisen hat. Und
zweitens: Dieses Bild habe ich nicht erfunden, das gab es einfach. Während
der Drehvorbereitung und des Drehen's bin ich wie ein Jagdhund auf der
Suche nach Bildern, und ab und zu schlägt einem die Realität Sachen vor,
die unvorstellbar scheinen. Ich bin dann im ständigen Kontakt mit den
Wolken, den Bergen, den Mitmeschen. Da muß man sehr flexibel sein. Wir
haben in den Bergen Armeniens in 3500 m Höhe gedreht, das war eine
Schlucht, die zu betreten von uns nicht in erster Linie kinematografische,
sondern bergsteigerische Fähigkeiten verlangte. Und da sahen wir
dieses Bild. Es war einfach da. Die Natur hatte dieses Eis, diese Höhle,
dieses rote Wasser geschaffen.
Ich
habe meinen Helden in dieses Stück
Natur integriert und damit auch versucht, dieses Stück Natur in meinen
Film zu integrieren. Ich liebe diese Szene besonders, weil ich nichts
gemacht habe, außer, daß ich diesen Mann da hingesetzt habe. Erika
RICHTER:
Aber man muß es ja erst einmal sehen, daß das ein wesentliches Bild im
Film sein könnte. Darin besteht vielleicht überhaupt die
Begabung. Don
ASKARIAN:
Ja, viele Sachen liegen herum, und für das Leben unbedeutende Dinge können
in der eigenständigen Welt des Kinematografischen
eine
ungeheuere, fast
atomare Kraft bekommen. Erika
RICHTER:
Ich empfinde die toten
Schafe
in »Avetik« als bildlichen Ausdruck des
Genozids an den Armeniern. Spielt mir da meine Phantasie einen Streich?
Handelt es sich vielleicht nur um eine Naturkatastrophe? Don
ASKARIAN:
Die Betrachtung und Interpretation des Filmes überlasse ich dem
Zuschauer. Aber ich selbst empfinde es als ein Zeichen für eine ungenügende
filmische Arbeit, wenn man bestimmte Bilder mit Symbolen belädt. Ich
empfinde es als Manipulation der Realität oder der Wahrheit. Ich erzähle
ja eine Geschichte: Dieser Bauer sucht seine Schafe. Im Rahmen dieser
Geschichte muß ich bleiben,
möglichst
realistisch, möglichst
wahrheitsgetreu. Ich hoffe, daß ich das auch gemacht habe. Natürlich können
Sie eine Verbindung zwischen den Schafen und der Geschichte des
armenischen Volkes oder des Christentums herstellen, aber ich gebe
innerhalb der Geschichte keinen Anlaß dazu. Erika
RICHTER:
Aber Sie schaffen doch eine filmische Gesamtstruktur, innerhalb deren
der Zuschauer angeregt wird, die Bilderwahrzunehmen und gleichzeitig
etwas über ihre
unmittelbare
Bedeutung Hinausgehendes zu empfinden oder
zu denken oder... Don
ASKARIAN:
...aber das ist die Sache jedes einzelnen Zuschauers. Ich selbst verleite
ihn nicht dazu. Nimmt man zum-Beispiel einen armseligen Gegenstand und
beginnt ihn in einem bestimmten Kontext zu streicheln, ihn gewissermaßen
zu »penisisieren« (einer meiner »filmwissenschafthchen« Neologismen),
dann ist das meines Erachtens scheußliche Symbolik. Das ist die Vergewaltigung
eines Gegenstandes, Verformung des Gegenstandes in ein symbolisches
Zeichen. Das bedeutet eine Verarmung der Realität. Das Lebensmaterial
ist unendlich. Und wenn man es auf eine oder zwei Bedeutungen beschränkt,
ist das nicht gut. Erika
RICHTER:
Trotzdem erlaube ich mir, das überwältigende Schlußbild von »Avetik«
als ein Symbol oder ein metaphorisches Bild zu verstehen. Man sieht, wie
sich drei Grabsteine langsam vorwärtsbewegen, wobei man vermutet, daß
sich jemand dahinter befindet und die
Steine
trägt. Don
ASKARIAN:
Das sind keine drei Grabsteine,
sondern
ein Grabstein, eine Kirchentür
und ein Buch ... Erika
RICHTER:
... gut, aber das Ist nicht so entscheidend. Schließlich
werden alle drei
Gegenstände umgedreht, und man sieht dahinter die Leute, einfache,
schlichte Bauersleute, die diese Dinge schleppen. Ich kann gar nicht
anders, als darin eine Metapher dafür zu sehen, daß die einfachen
Leute, die arm sind, aber Würde haben, die Kultur retten. Don
ASKARIAN:
Das ist eine fast dokumentarische Szene. Das ist übrigens in meinen
Filmen häufig so, daß vieles, was ausgedacht scheint, einfach authentisch
ist.
Vielleicht
muß man wirklich die Geschichte des armenischen Volkes
ein wenig kennen. Erika
RICHTER:
Das
Buch hat in unserem Kulturkreis seit jeher eine große Bedeutung, es
existierte lange vor Gutenberg. Bücher von bestimmten Dichtern steckte
man Kranken unter die
Kissen, weil man ihnen Heilkraft zuschrieb. Und als
die Türken 1915 Westarmenien vernichteten, sind viele Armenier nach
Russisch-Armenien geflohen. Sie haben ihre Wertsachen mitgenommen, und zu
diesen Wertsachen gehörten auch kulturelle Gegestände. Es gab ein
riesiges Buch, so groß wie ein halbwüchsiger Junge, und dieses wurde von
zwei einfachen Frauen mitgenommen, sie haben es geteilt, weil es zu schwer
war, um einer getragen zu werden. Diese Geschichte kannte ich. Margarita
WOSKANJAN:
Und in den Museen unter den
entsprechenden
Ausstellungstücken, von
welchen Bauern sie mitgebracht wurden. Erika
RICHTER:
Aber
alles, was Sie jetzt dazu erzählen, bestätigt
doch
meine
Interpretation: Das Volk bewahrt die Kultur. Don
ASKARIAN:
Ja, aber wenn Sie das so aussprechen, klingt das zu klischeemäßig, zu
sowjetisch, zu marxistisch. Das mag ich nicht. Wenn man so generell vom
Volk spricht - besonders
auf
Deutsch -ist mir das unangenehm. Denn das
Volk vernichtet auch die Kultur. Und außerdem: Was ist das Volk? Zum
Beispiel könnte man nicht sagen: Die Bevölkerung rettet die Kultur.
Das ginge irgendwie nicht. Aber ich ziehe den Begriff Bevölkerung dem
Begriff Volk vor, er ist, sachlicher, präziser. Der Begriff »Volk« ist
mir zu sehr mit Mythen beladen. Und um auf das Schlußbild von »Avetik«
zurückzukommen, könnte man vielleicht sagen, daß es in der Bevölkerung
Minderheiten gibt, und die können aus den verschiedensten sozialen
Schichten kommen, die sich um die Kultur Sorgen machen. Damit wäre ich
einverstanden. Erika
RICHTER:
Gut, es ist richtig, daß man sich die Begriffe, die man benützt, sehr
genau ansehen muß. Aber das ändert nichts daran, daß das Schlußbild
überwältigend und voller Pathos
ist. Don
ASKARIAN:
Aber warum ist es gut ? Weil es als naives filmisches Bild
vielleicht
gelungen
ist und nicht, weil der Gedanke: Das Volk rettet die Kultur! toll ist. Erika
RICHTER:
Durch diesen kleinen
Gedankenaustausch
habe ich immerhin herausgekriegt,
daß die Dinge in Ihren Filmen auf ganz verschiedenen Wegen zu Ihnen
kommen. Offensichtlich spielt auch die bildende Kunst für Sie eine große
Rolle. Don
ASKARIAN:
Aber das kinematografische Bild ist natürlich ganz anders. Natürlich
liebe ich die bildende Kunst so wie ich auch die Musik oder die Literatur
liebe. Aber ich muß da
aufpassen. Ich mag Filme nicht, die von der
Malerei diktiert sind. Erika
RICHTER:
Das hatte ich auch nicht gemeint. Es fiel mir auf, daß Bilder,
Buchseiten, auf denen oft Zeichnungen, Muster, Gesichter zu sehen sind, in
beiden
Filmen eine große Rolle spielen. Das ist ein wichtiges Element
Ihrer kinematografischen Realität. Don
ASKARIAN:
Komitas war ein Komponist, und im Zusammenhang mit seinem Leben sind
diese Dinge wichtig. Vielleicht geben sie mir einen Anstoß. Das Buch
spielt
wirklich
eine große Rolle für mich. Die armenische Kultur hat
sich immer vor der Vernichtung retten müssen. Das Buch war ja schon vor
1000 Jahren der bedeutendste Kulturgegenstand. Da sich meine Filme immer
auf die Geschichte und Vorgeschichte beziehen, kommen Bücher als
Kulturgegenstände immer wieder darin vor. Erika
RICHTER:
Ihre Filmbilder gehen fast immer von banalen Alltagsgegenständen, von der
natürlichen Unordnung des Lebens aus, aber daraus machen Sie
etwas
anderes, meistens durch sehr langsame Kamerafahrten. Ich finde diese »undekorative«
Schönheit Ihrer Bilder bemerkenswert. Don
ASKARIAN:
Das freut mich, das nehme ich als Kompliment. Film ist etwas ganz Eigenes,
man weiß nicht genau, was es ist. Über das ästhetische Vergnügen, das
Film geben kann, das Spaß-haben an kinematografischer Schönheit, wird ja
überhaupt nicht gesprochen. Von allen Seiten wird der
Film
mißbraucht,
von den Ideologien, von bestimmten sozialen Gruppen. Ich bin dagegen, daß
der Film als Propagandamittel, und sei es sogar für positive Zwecke, mißbraucht
wird. Aber es gibt einfach keine kinematografische Lobby. Man müßte eine
Lobby schaffen, die die Authentizität der kinematografischen Sprache
verteidigt. Ich bin auch für die Unabhängigkeit der Filmemacher. Sie
haben doch eine wichtige Aufgabe. Den Spießer zu unterhalten, halte ich
nicht für die Aufgabe der Filmemacher. Vielmehr sollten sie der
Gesellschaft eine spezifische Information geben. Durch Film kann man
bestimmte Dinge besser herausfinden als durch die Wissenschaft. Wenn
die Gesellschaft in diesen Bereichen nachläßt, wird sie schwach, weil
sie, ohne wahre Informationen über sich selbst, nur manipuliert wird. Und
ab und zu denke ich, daß die
Westeuropäer
durch die Kommerzialisierung
der westeuropäischen Kunst im Geiste so schlampig geworden sind, daß sie
auch den Wirtschaftskrieg verlieren werden. Der ungeheuere Erfolg der Japaner
hat sicher mit ihrer Präzision zu tun und mit der fortdauernden Behauptung
ihrer kulturellen Identität, ihrer spirituellen Identität. Erika
RICHTER:
Ich denke, daß es In Japan
dieselben
Tendenzen der Kommerzialisierung
gibt wie in Westeuropa. Don
ASKARIAN:
Sicher gibt es das auch. Aber wenn die Manager abends nach Hause kommen,
legen sie ihre Anzüge ab und ziehen die Kimonos an und trinken Tee auf
japanisch. Ich habe den Eindruck, daß man hier im Westen auf der einen
Seite eine Ware produziert und auf
der
anderen Seite den Konsumenten dazu.
Ist das nicht schrecklich? Nachdem die Mauer gefallen, der Kommunismus überhaupt
zerbrochen waren, habe ich im Westen viele schlimme Sachen entdeckt.
Vorher war das nicht so. Vielleicht haben sie jetzt ihre Maske abgelegt.
Jetzt habe ich den Eindruck gewonnen, daß der Kampf für die Menschenrechte,
alle diese guten, schönen Sachen, vom Westen nur als Kampfmittel gegen
das andere System benützt wurden. Margarita
WOSKANJAN:
Heutzutage möchten sie Rußland und die anderen östlichen Länder
genauso ausbeuten, wie sie es hier im Westen schon seit langem
geschafft
haben. Gerade gestern sprachen wir darüber, daß es wahrscheinlich doch
nicht so verkehrt war, daß die Sowjetunion als ein geschlossenes System
existierte. Don
ASKARIAN:
Andersherum. Ich habe vermutet, daß der Sowjetunion vielleicht dieses
totalitäre System vom Westen aufgezwungen wurde. Sie mußten sich auf
diese brutale und unmenschliche Weise gegen die Raffgier zur Wehr setzen.
Ab und zu denke ich, daß eines Tages eine ähnliche Reaktion wie seinerzeit
die Revolution von 1917 kommen wird. Denn für die Leute, die das
Geld
machen, gibt es nichts, vor dem sie Respekt haben. Alle anderslautenden
Worte sind Public Relation und Verkaufsstrategie. Der Film sollte dem
entgegenwirken und den Menschen wahre Informationen liefern. Erika
RICHTER:
Diese Informationen sind in Ihren Filmen sehr spezifisch. Es handelt sich
um Informationen verschiedener Qualität. Einerseits erfahren wir etwas über
einen Komponisten wie Komitas, über Momente armenischer Geschichte, in »Avetik«
auch etwas über Berlin als eine Hölle oder Vorhölle. Aber man erfährt
auch zum Beispiel, was für ein Wunder Regen sein kann oder wie ein
Stein
in verschiedenen Situationen, bei unterschiedlichem Licht aussehen
kann, welchen Wert Dinge an sich haben. Wir erhalten also die Möglichkeit,
die Welt auf rein sensuelle Weise wahrzunehmen. Das ist etwas, was keine
andere Kunst, was nur Film kann. Wenn
man Ihre Filme sieht, denkt man an Sergej Paradshanow, bestimmte Stellen
erinnerten mich auch an Tarkowski. Gibt es Filmemacher oder andere
Leute, von denen Sie sagen konnten, daß Sie zumindest zeitweise einen großen
Eindruck auf Sie machten? Don
ASKARIAN:
Ich habe
als junger Mensch sehr
vieles
gesehen. Erika
RICHTER:
Haben
Sie Film
studiert? Don
ASKARIAN:
Nein. Ich habe keine Filmschule besucht. Vielleicht war das mein Pech,
vielleicht aber auch mein Glück. Aber ich habe als junger
Mensch
sehr
vieles geliebt, war davon besessen. Filme zu sehen. Im KGB-Klub in
Jerewan und besonders dann auch in Moskau konnte man in vielen Filmklubs
und im Kino »Illusion« gute Filme sehen. Damals habe ich fast alles
geliebt, was zur Filmgeschichte gehörte. Heute wundere ich mich darüber.
Vielleicht wurde ich auch manipuliert, als junger Mensch kann man das
nicht so präzise unterscheiden, schwimmt gerne im Strom der allgemeinen
Begeisterung oder des allgemeinen Lobes. Von diesen damals von mir so
geliebten Filmen sind nur wenige übriggeblieben. Für mich ist Antonioni
einer der größten europäischen Filmregisseure, und ich meine, daß
Tarkowski auch aus Antonioni gewachsen ist. Erika
RICHTER:
Berliner
Filmkunsthaus
»Babylon« veranstaltet Im November/Dezember
eine große Antonioni-Retrospektive. Don
ASKARIAN:
Es ist komisch. Die frühen Filme Fellinis habe ich mit großer Liebe
gesehen, »La Strada«, »Die Nächte der Cabiria«, aber als ich dann
hierher kam und seine späteren Filme sah, waren sie für mich nicht mehr
so wesentlich. Antonionis Leuchtkraft hingegen ist für mich ungebrochen.
Ich habe seinen letzten Film über einen Regisseur gesehen, ganz
schwach, nicht gelungen, aber er ist irgendwie rein geblieben. Für mich
ist Antonioni wirklich der größte europäische Filmgeist und der
reinste. Und die Namen, die Sie genannt haben, gehören auch zu meinem
Pantheon der Filmschaffenden, Tarkowski und besonders Paradshanow. Ich
beurteile seine Filme verschieden. Zum Beispiel sehe ich in seinem ersten
großen Erfolg »Schatten vergessener Ahnen« viele Schwächen, habe den
Eindruck, daß der Regisseur
nicht
genügend Stärke gegenüber dem
Kameramann bewiesen hat. Alle Voraussetzungen für einen außerordentlichen
Film waren da, jedoch mußte der Kameramann ständig irgendwelche
extravaganten Bewegungen machen. Aber ein Film wie »Die Farbe des
Granatapfels« steht bei mir in einer Reihe mit Dantes »Göttlicher Komödie«.
Das sind die Personen, die die Würde des Films, die Reinheit der
kinematografischen Form verteidigt haben, auch mit ihrem Leben. Dazu gehört
für mich auch der armenische Regisseur Arthur Peleshjan, dessen Film »Die
Jahreszeiten« ich sehr liebe. Das sind die Menschen, die ich auch heute
noch bewundere. Erika
RICHTER:
Wie verhalten Sie sich
denn
zu Chaplin? Don
ASKARIAN:
Ich bin kein großer Verehrer. Ich glaube, hier wurden viele Mythen
erschaffen. Früher hatte ich eine naive Vorstellung von der westlichen
Gesellschaft. Jetzt habe ich verstanden, daß man, wenn man Geld hat,
sich auch einen Platz in der Geschichtsschreibung über die Genies
kaufen kann. Wer
bezahlen kann, hat einfach bei den Geschichtsschreibern mehr Chancen.
Pasternak hat irgendwann gesagt: Es ist eine Schande, berühmt zu sein,
ohne Talent zu haben. Die meisten Leute, die berühmt sind, haben genügend
Geld, um diesen Ruf bezahlen können. Das bezieht sich nicht auf Chaplin,
obwohl die Mythen auch seinen Ruf mitbestimmten. Verglichen mit anderen,
ist
Chaplin
ein großer Humanist, aber wenn ich ihn mit Antonioni
vergleiche, ist er für mich vielleicht ein Zirkusmensch. Erika
RICHTER:
Dagegen gibt es nichts zu
sagen. Don
ASKARIAN:
Nein, aber wir sprachen ja schon
davon, daß man eine Lobby für die
Reinheit der filmischen Form schaffen sollte, und dazu würde für mich
Chaplin nicht gehören. Erika
RICHTER:
Ich sehe das anders, aber wir
brauchen
das nicht weiter auszuführen. Ihre
Filme - ob Sie das wollen oder nicht - strömen eine tiefe Melancholie
aus. Dasselbe trifft auf die Filme der von Ihnen verehrten Meister zu.
Deshalb meine Frage nach Ihrem Verhältnis zu einem Komiker. Don
ASKARIAN:
Ich hoffe, daß Sie auch die kinematografische Freude in meinen Filmen
nachempfinden konnten. Das Material kann sehr traurig sein, aber der Film
besteht
ja nicht nur aus Material. Die Behandlung des Materials ist vielleicht
viel wichtiger als das Material selbst, kann Genuß geben, obwohl das
Material traurig ist. Erika
RICHTER:
ist in Ihren Filmen so,
besonders wegen ihrer Sinnlichkeit. Don
ASKARIAN:
Sinnlichkeit ist ein Zeichen
des
Lebens. Erika
RICHTER:
Darf ich Sie fragen, was Sie studiert
haben. Don
ASKARIAN:
Marxismus - Leninismus. Ich habe ein Diplom als Historiker und darf in den
sowjetischen Schulen Geschichte unterrichten. Ich möchte noch etwas über
meine Lehrer sagen. Man kann sich nicht nur auf Filmemacher berufen. Zum
Beispiel hat mein Großvater einen großen Einfluß auf mich gehabt. Ich
wurde in Stepanakert geboren, aber meine Eltern und Großeltern kamen
aus verschiedenen Dörfern. Das spielt eine große Rolle, ebenso die Bücher,
die Musik, alles, womit man
aufwächst. Alle diese Lebenserfahrungen
hinterlassen Spuren. Insofern könnte man das alles auch als seine
Lehrer betrachten. Zum Beispiel kann auch eine Wolke ein
kinematografischer Lehrer sein, weil sie einen lehrt, Licht und Schatten,
Reflexionen, Lichteffekte etc. wahrzunehmen. Über die Szene mit dem
roten Wasser sprachen wir schon. Hier hat die Natur ein Bild geschaffen,
von dem man sehr viel lernen kann. Ich hatte Glück und habe noch meine
Urgroßmutter gesehen, und ich hatte den Eindruck, daß mein Großvater
Informationen aus dem fünften Jahrhundert mit sich herumtrug, obwohl er
das nie artikuliert hat. Kunst ist ja nicht nur ein Beruf, sondern jeder
Mensch gestaltet irgendwie sein Leben, und das kann auch künstlerische
Qualitäten bekommen. Bei mir ist das alles nicht so streng getrennt. Menschen
erzählen mir Sachen. Der Ehemann von Margaritas Freundin erzählte
zum Beispiel: Meine Mutter gab eine Brust mir und die zweite dem Lamm, als
es einmal kein Futter für das Lamm gab, weil die Schafe gestorben waren.
Der kam aus ganz einfachen Verhältnissen im Gebirge. Diese Erzählung
hat auf mich einen wahnsinnigen Eindruck gemacht. So habe ich sie in den
Film genommen. Und die Lehre geht weiter, ich bin ja nicht fertig. Auch
in Berlin gibt es Orte, die eine kinematografische
Magie
ausstrahlen. Aber
sie haben sich selbst geformt, ich habe nichts dazu getan. Wenn man an
ihnen vorbeigeht, versucht man, bei ihnen zu studieren. Erika
RICHTER:
Das leuchtet mir ein und gefällt mir. Wie
gelang
es Ihnen, nach Berlin zu
kommen? Hing das mit dem Gefängnisaufenthalt zusammen? Don
ASKARIAN:
Berlin, das war zufällig. Wir wollten eigentlich nach
New
York, hatten
Flugkarten gekauft, die amerikanische Botschaft in Wien hatte schon unsere
Fingerabdrücke genommen, und dann wurden wir von einem Kontrabandisten
manipuliert, der uns unsere letzten Dollars abnahm und uns nach Berlin
transportierte. Wenn mich ein unsympathischer Mensch fragt, warum ich in
Berlin lebe, antworte ich: Mein Vater hat die Stadt von Nazis gereinigt.
So habe ich vielleicht ein größeres Recht, hier zu leben, als Sie. Das
ist natürlich ein Spaß. Es ist wirklich zufällig. Erika
RICHTER:
Hatten Sie schon früher in Jerewan
oder Moskau den Wunsch, Filme machen
zu wollen? Don
ASKARIAN:
Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr war
mir
hundertprozentig klar, daß
ich Filme machen werde und daß das mein einziges Ziel ist. Und danach
habe ich mein ganzes Leben als Vorbereitung zum Filmemachen
betrachtet. Erika
RICHTER:
Und als Sie 1979 nach Berlin kamen,
fingen
Sie sofort an, diese
Vorstellung zu realisieren? Don
ASKARIAN:
Ja. Die ersten zwei, drei Jahre wurden alle Vorschläge, Drehbücher
abgelehnt. Dann habe ich sehr schnell begriffen, daß es hier nur wenige
Leute gibt, die wirklich
filminteressiert
sind, daß Filmproduktion im
allgemeinen wie jedes andere Geschäft betrieben wird und daß wir also
unsere eigene Produktion gründen sollten, um die Vorhaben, die mir
vorschweben, zu realisieren. Erika
RICHTER:
Und da haben Sie Ihre Frau, die doch
Musikerin ist, als Filmproduzentin
erwählt. Don
ASKARIAN:
Ja, ich habe Margarita gebeten,
das Geld zu verwalten, und ich habe
ein blindes Vertrauen in sie. Erika
RICHTER:
Margarita, Sie hatten doch gar keine
Vorbildung? Und wenn ich mir diese
ganze westliche Bürokratie vorstelle, die an jeder Mark Fordergeld hängt-wie
konnten Sie das bewältigen? Don
ASKARIAN:
Den ersten Film produzierten wir mit eigenem Geld, nämlich mit 6000DM,
die wir mit Klavierreparaturen verdient hatten. In zwei Nächten habe
ich ein
Lehrbuch
von Steinway & Sohn studiert, dann haben wir nach Anzeigen
alte Klaviere, Pianinos, Flügel gekauft, sie repariert, Margarita hat sie
gestimmt, und dann haben wir sie für den zehnfachen Preis wieder
verkauft. Das war eine harte Arbeit. So wurde unser erster Film
produziert, »Der Bär«, nach Tschechow. Danach konnte ich etwas
vorzeigen. Diesen Film haben die Fernsehanstalten sofort gekauft. So
konnten wir den Fördergeldern näher kommen. Und »Komitas« wurde dann
schon ganz ordentlich international produziert. Erika
RICHTER:
Und das haben Sie, Margarita, alles
zusammengehalten? Das ist doch nicht
einfach. Don
ASKARIAN:
Als ich meiner Mutter erzählte, daß ich sozusagen
die
Buchhalterin
mache, hat sie sich totgelacht. Alles, Musik, Malerei, lag mir näher als
die Mathematik. Beim »Bär« kam ich zu unserem ersten Steuerberater mit
einem Schuhkarton voller Rechnungen. Man
weiß es einfach nicht, wie es gemacht wird. Bei »Komitas« hatten wir
dann einen sehr guten Steuerberater, Johann Raps, der einen blinden Glauben
an uns hatte und der mir sehr vieles gezeigt hat. Erika
RICHTER:
Aber einen Film produzieren, das bedeutet doch nicht nur Verwaltung des
Geldes, sondern Organisation, bei einer internationalen Produktion wie
es »Komitas« war, Finden der Partner und ähnliches. Margarita
WOSKANJAN:
Ich
glaube, wir hatten einfach Glück, daß von Anfang an der WDR mit dabei
war. Das trug dazu bei, daß in England (auch aufgrund der Qualität des
Drehbuches) eine beträchtliche Finanzierung zustande kam. Es war eine
vergleichsweise große Produktion mit gewichtigem Geld, und wir dachten,
dazu brauchen wir einen erfahrenen Produktionsleiter, weil ich mir
noch
nicht so viel zutraute. Aber damit begann die Katastrophe. Ein
Produktionsleiter nach dem anderen mußte von uns gefeuert werden. Don
ASKARIAN:
Um präzise zu sein: Wir hatten den Eindruck, daß der Film unter den
vorgefertigten Mustern, mit denen die Menschen antraten, leiden würde.
Der
eine
kommt vom Fernsehen und möchte den Film fernsehmäßig produzieren.
Aber die Dreharbeiten mit mir sind oft sehr kompliziert. Ich spüre, daß
da etwas ist, aber es bedarf langer Suche und verschiedenen Ausprobierens.
Ab und zu stecken wir in eine Szene mehr Geld als in zwanzig andere. Und
wenn dann einer sagt: für diese Szene zwei Tage und das alles auch
planmäßig realisieren möchte, finde ich, daß das zerstörerisch
ist. Margarita
WOSKANJAN:
Sie hatten genaue Vorstellungen, wieviel Zeit man jeweils für welche
Szene braucht. So war alles nach ihren Erfahrungen kalkuliert. Und
das
klappte mit uns irgendwie nicht. Erika
RICHTER:
Es leuchtet absolut ein, daß Sie mit
Ihren
Vorstellungen von Film nicht
in das normale Schema hineinpaßten und es zum Zerwürfnis kommen mußte. Don
ASKARIAN:
Ich habe auch mit anderen Team-Mitgliedern Schwierigkeiten, etwa mit
Kameramännern, weil es schwierig ist, die Kinematografie verbal auszudrücken.
Das gehört zwar zur Aufgabe eines Regisseurs, aber man müßte zur
gleichen Zeit ein wahnsinnig begabter Prosaschreiber sein, um das alles
treffend beschreiben. Man braucht einen, der an dich glaubt und dir auch
Freiheit läßt. Filmdrehen ist eine komplizierte Angelegenheit. Es sind
viele Menschen daran beteiligt, und andererseits sind die
kinematografischen Sachen sehr subtil. Ich
halte viel von der mittelalterlichen Tradition des
Familienbetriebes. Ich
finde das schön. Wenn wildfremde Leute nur für einen Film zusammenkommen,
dann spielt bei ihnen die Arbeit fürs Geld einen größere Rolle als
das Interesse an der Qualität des Films. Die Konzentration
auf
die
eigentliche Arbeit wird vermindert. Durch den natürlichen
Familienzusammenhalt treten die üblichen Reibereien um alles Mögliche
etwas in den Hintergrund. Erika
RICHTER:
Man kann viel gegen diese Familienstrukturen sagen, weil sie immer auch
auf Ausbeutung vieler Familienmitglieder beruhen, auf der anderen Seite
beruhten und beruhen sie auf Selbstausbeutung. Don
ASKARIAN:
Das stimmt. Und die Rollen sind ja nicht klar
abgegrenzt. Im Grunde
machen wir alles, angefangen von der schweren physischen Arbeit. Margarita
WOSKANJAN:
Wenn ich als Producer zu Hause sitze, habe ich keinen Einfluß auf die
Team-Mitarbeiter. Wenn ich aber mitmache und, wenn nötig, auch
Schmutziges anpacke, dann
hat das einen wohltätigen Einfluß auf das
Ganze. Bei den Dreharbeiten in der eisigen Schlucht mit dem roten
Wasser war ich die einzige Frau und konnte sogar unserem Schauspieler
Mut zusprechen, denn er war verzweifelt. Er ist schon sechzig, und die
Aufgabe überstieg beinahe seine physischen Kräfte. Erika
RICHTER:
Dieser Darsteller strahlt übrigens genau das aus, was Sie vorhin über
Ihren Großvater sagten, Würde, Einfachheit, und man bekommt den
Eindruck, daß er
ein
Mensch ist, der das Wichtige im Leben erkennt. Ein
souveräner Mann. Don
ASKARIAN:
Er ist in extreme Situationen
gestellt. Sein Dorf und Haus wurden zerstört.
Er und die anderen Menschen leiden darunter, daß irgendwelche Arschlöcher
von Politikern ihre Spiele um Armenien spielten. »Leiden« ist ein völlig
ungenügendes Wort für das, was sich da vollzogen hat. Erika
RICHTER:
Ein letzte, ganz andere Frage: Wann und
warum
habt ihr einen eigenen
Verleih gegründet? Don
ASKARIAN:
Ich erzähle was. Als wir »Komitas« in Venedig zeigten, in »Horizonte«,
das heißt außer Konkurrenz im Hauptprogramm, und das eigentlich ein großer
Erfolg war, kam eine indische Filmorganisation und wollte »Komitas«
kaufen. Da besorgte sich Margarita ein Lexikon und informierte sich über
die Bevölkerungszahl von Indien. Danach verlangte sie einen phantastischen
Preis für den Film. Sie konnten ihn natürlich unmöglich für diesen
Preis kaufen. Aber wir verkauften ihn auch nicht für
den
von ihnen vorgeschlagenen
Preis, der eigentlich realistisch war. Das war unser Prinzip von Anfang
an. Wir wissen, was unsere Filme wert sind, und werden sie teuer verkaufen.
Wir können auch warten. Im Grunde genommen haben wir Recht gehabt, vor
kurzem konnten wir beide Filme gut nach Japan verkaufen. Hier wird ja der
Künstler als armer Verwandter behandelt, als Bettler oder im besten
Falle als Clown, dem man einen Knochen vom Tisch in die Ecke wirft.
Aus dieser Einstellung kommt die Vorstellung, daß sogenannte Künstlerfilme
kostenlos oder für ganz wenig Geld zu bekommen sind. Wir haben aber nie
von uns selbst gedacht, daß wir Bettler oder Clowns sind und kamen
folglich zu der Auffassung, daß, wenn wir schon die Produktion selber
machen, wir auch den Verleih selber machen können. Warum sollen wir
unsere Filme an fremde Leute geben? Wenn sie unsere Filme für wenig
Geld haben wollen, werden sie auch wenig für sie tun. So machen wir eben
alles selber. Der Verleih ist hauptsächlich Margaritas Sache. Erika
RICHTER:
Was habt ihr unternommen, um »Komitas« und »Avetik« jetzt in
Deutschland zu starten? Margarita
WOSKANJAN:
Das, was alle Verleihe machen, also Kinos suchen und ihnen klarmachen, daß
gerade diese Filme einen großen kommerziellen Erfolg bringen werden.
Ich möchte mich nicht nur auf kommunale Kinos begrenzen. Wichtig ist für
mich, daß die Filme die Chance haben, in Programmkinos zu laufen, und
nicht nur ein - zwei Tage, sondern mehrere Wochen.
Langsam
sehe ich
Erfolge, es gibt bereits mehrere Programmkinos, die für die Filme zwei,
drei Wochen, ja sogar fünf, sechs Wochen freihalten wollen. Für
diese Filme ist wichtig, daß sie mehr Zeit bekommen. Don
ASKARIAN:
Ich denke, daß die Menschen letztlich nicht blöd sind. Sie werden dominiert
von kleinen Gruppen, die ihre kommerziellen Interessen haben, und haben
deswegen kaum Möglichkeiten, eine Auswahl zu treffen. Die Herrschaft
kommerzieller Filme, wie zum Beispiel jetzt der Einsatz dieses
Saurier-Films von Spielberg in der ganzen Welt, das ist eine andere Art
von Totalitarismus, viel subtiler, viel erfolgreicher als diejenige, die
wir hinter uns gelassen haben. Wir haben eine Tochter, 14 Jahre alt, sie
kauft sich Sachen, zum Beispiel Schuhe, hundertprozentig nach dem Gesetz
dessen, was »in« ist. Das weiß sie ganz genau. Ich habe den Eindruck,
daß irgendwo ein großer Diktator sitzt und den Kindern befiehlt: In
diesem Monat tragt ihr Chucks oder Boots. Obwohl alle Schuhe gleich
aussehen, müssen es eben diese Chucks sein. Ich habe zu ihr gesagt: Wer
sagt dir, daß die Chucks die besten sind. Wir könnten doch auch andere
kaufen, die vielleicht besser sind. Nein, sagt sie, es müssen diese sein,
und so verhalten sich Millionen. Das ist absoluter Terror. Auf allen
Gebieten ist es so, so befehlsmäßig und so subtil. Es ist für mich
schon erschreckend, wie gut diese absolute Manipulation funktioniert,
wie genau das vorbereitet wird, wie die Medien darauf eingestimmt werden.
Das funktioniert alles viel besser als Stasi. Und im Film funktioniert
alles auf die gleiche Weise. Erika
RICHTER:
Es gibt nur einige kleine Inseln, die sich
gegen
den Strom stemmen. Eine
davon ist der Familienbetrieb Askarian/Woskanjan. Margarita WOSKANJAN: Das einzige, was uns in unserer fast ausweglosen Situation helfen kann, ist die Geduld. Geduld mit Don Askarian und Geduld mit allen Leuten, denen man sich nicht mit Arroganz nähern darf, sondern die man davon überzeugen muß, diese Filme zu zeigen oder anderes Wesentliches zu tun. Und ich habe Geduld. Ich habe den Eindruck, daß ich noch 5000 Jahre vor mir habe, um geduldig zu warten. |
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