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Die Tageszeitung, 5.11.1993

FAZ, 12.11.1993

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Berliner Zeitung, 18.11.1993

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Der Tagesspiegel, 23.11.1993

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Don Askarian

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TIP 40 23/93

 

DER IKONENMALER

 

Heimat aus der Erinnerung: In seinem neuen Film „Avetik" betreibt der in Berlin lebende armenische Regisseur Don Askarian wie schon in dem Vorgänger „Komitas'" eine Archäologie des Gedächtnisses

 

von Peter W. Jansen

 

Lange Fahrten und Schwenks mit der Kamera:   Land­schaften, Häuser, Kirchen, Grabsteine, ein Bach und im Wasser eine alte Foto­grafie; oder: ganz langsam geht der Blick auf eine Wand, über die immer heftiger das Wasser rinnt, bis der Putz mit dem ver­blichenen Fresko blättert und abfällt und eine Nische mit Ka­raffe und Becher freigibt, aus der eine Schriftrolle sich löst und entrollt; oder: ein Panorama­schwenk von 360 Grad durchs ganze Dorf, und wenn die drei Musizierenden wieder ins Bild kommen und die Vase mit Milch vor ihnen, genügt ein schriller Ton, und das Glas zerspringt, und die weiße Flüssigkeit ergießt sich über den kleinen runden Tisch; oder: Tiefenschärfenver­lagerungen und in die Schreib­bewegung hinein bewegen sich die Reiter zwischen den Ge­schlachteten und Gekreuzigten.

Das ist der Film „Komitas", und das sind vielleicht drei Dut­zend  Einstellungen.  Wenn „Avetik" auch dreimal soviel Schnitte enthalten mag - beide Filme lassen sich Zeit. Alle Zeit, die es braucht, der Zeit zuzuse­hen. Und ihr zuzuhören. Wie sie mit dem endlosen Regen, wie sie mit dem Wasser im Bach, dem Blut der Ermordeten verrinnt. Und wie sie noch klingt in dem Glasglockenschlag der Urinfla­schen, die der Kranke in seinem dürftigen Zimmer an Schnüren von der Decke hängen und ge­geneinander schlagen läßt. Ein Mann geht über eine Straße in Berlin und legt sich mitten auf den Damm. Doch er hört, wir hören nicht die Pneus auf dem Asphalt, sondern den Regen oder einen Bach, eine Quelle oder auch nur eine Pfütze in Armenien. Unterm Pflaster ist der Strand.

Filme von Don Askarian sind Bilder, die Geschichten erzäh­len, und nicht umgekehrt. Jede Einstellung ist auch eine Ge­schichte. Diesen Bildern ist noch nicht widerfahren, was ihnen Wim Wenders nicht ersparen konnte: daß sie für etwas ande­res in Dienst genommen wer­den, für Geschichten, die nicht sie selber sind. Die Bilder von Askarian sind die eines fil­menden Ikonenmalers, denn wie die Ikone ist jedes Bild statisch und bewegt zugleich und seine eigene Legende. Jedes Bild in „Komitas" kann für sich beste­hen und braucht die anderen Bilder nicht.

Die Filme von Don Askarian sind so sehr Zeit an sich, daß sie zu existieren aufhören müßten, sobald sie fertig sind oder man sie gesehen hat. Immer wieder wird Feuer gelegt, es brennen Papier oder Betten. Decken und Kleider, und es ist, als ob es die Zeit selber wäre, die hier lodert und verglüht. So gehen denn auch Uhren in Flammen auf, und ihre Zifferblätter, als wären sie aus Wachs, werden weich und biegen sich wie auf einem Bild von Salvador Dali, während das Uhrwerk noch eine Weile weiterläuft wie der Körper eines Geköpften. Während das Herz noch schlägt, ist das Leben schon zuende.

Es ist der Widerspruch der Filme von Don Askarian, es ist der Widerspruch des Filmischen schlechthin, daß die Filme nicht vergehen mit der Zeit, die sie ab­bilden und deren Teil sie sind. So hinterlassen sie ein Schuld­gefühl. Sie lassen als Schuld empfinden, daß man selbst nicht vergangen ist mit ihnen. Und daß man sie wiedersehen wird. Und sei es im Kopf, der sie über­lebt. Denn die Zeit, die in ihnen mit dem Wasser verrinnt und mit dem Feuer verbrennt, wird von ihnen gleichwohl wie unter Glas konserviert. Sie ist zur ewi­gen Wiederkehr und zu einer Gegenwart verurteilt, die ihre

eigene Vergangenheit und Zu­kunft ist.

Don Askarian stammt aus Armenien, wo es armenischer kaum sein könnte: aus Stepanakert, Nagorny Karabach. Er hat in Moskau studiert, als Assistent und Filmkritiker ge­arbeitet und zwei Jahre im Gefängnis gesessen, ehe er 1979 nach Berlin (West) emigrierte. „Komitas" (1985-88) und „Avetik" (1990-92) sind als deutsch­armenische Koproduktionen entstanden. Der eine wie der an­dere ist Arbeit der Erinnerung und Trauerarbeit: angesichts der Geschichte Armeniens und des an den Armeniern 1915 von den Türken begangenen  Völkermords, des ersten der Ge­schichte; angesichts der Fremdheit der Emigration.

„Komitas" kann man lesen (und in den Gedichten und Gesängen hören) als eine Huldigung an den armenischen Dichter und Sänger, der nach dem Ge­nozid an seinem Volk verstummte und in den Irrenanstalten des Westens verdämmerte, ehe er zwanzig Jahre später starb. Aber der Film ist zugleich die tief ver­rätselte Ikonografie der Heimat, ihrer Geschichte und der Sehnsucht nach ihr, die persönliche Kosmologie eines verschütteten und wieder ausgegrabenen Ge­dächtnisses.

Mit „Avetik", dem Por­trät, wenn man so will, eines armenischen Filmema­chers, den es nach Berlin und in eine kleine Wohnung gleich ne­ben der alle leisen Geräusche er­mordenden S-Bahn verschlagen hat, ist Armenien, so scheint es, ferner geruckt. Die Erinnerung und die Visionen, auch wenn sie sich leicht und wie ungerufen einstellen mögen, und es bedarf oft nur einer Bewegung und ei­nes Bildes, nehmen sozusagen einen Anlauf, ehe die Assozia­tion Avetik und den Film aus dem Gefaengnis der real existie­renden Szene befreit. Das mag die größere stilistische und bild­nerische Vielfalt und die syn­taktische Unruhe von „Avetik" erklären.

Obwohl auch so etwas wie ein Interviewfilm (mit einer Frau für die Fragen; aber auch für die be­drückende Geschichte von dem Studenten, der sich obsessiv für Bilder von Hinrichtungen in­teressierte...), ist „Avetik" ähnlich wie „Komitas" ein fast stummer Film. Die Darsteller, deren meist unbewegte Mienen und sparsame Gestik allem Drama­tischen widersprechen, das von ihnen ausgehen könnte, wirken wie Assistenz- oder Stifterfigurcn auf gotischen Altarbildern - oder auf Ikonen. Sie sehen der Geschichte zu, die sie erleiden, und den mystischen und magischen Bil­dern, die von weit­her kommen und Visionen und Träu­me anderer, von verblichenen Ah­nen sein mögen.

Zutiefst christlich und heidnisch in ei­nem, erinnert die Bildsprache Askarians an die Tarkowskijs - oder, unter den Lebenden, die von Alexander Sokurow. Sie ist von einer nostal­gischen Poesie, voller Trauer und Schwermut und doch, im unfaßlichen Vertrauen darauf, daß das Wasser fließt und sich die Blätter der Bäume im Wind bewegen, voller Einblicke in die  Schönheit von Zeit und Vergänglichkeit. Noch, so scheint es,und wieder muß an Wenders gedacht werden, ist diese Sprache nicht gefährdet von den Zwecken. Noch ist sie ganz bei sich und noch kann sie sich wei­ter entwickeln, wie sich Askarians Bilder oft aus Kokons ent­hüllen. Wenn erst einmal die S-Bahn nicht mehr über Hammer, Amboß und Steigbügel ins Ohr fährt und Geräuschgedichte möglich werden, wie sie bei Tarkoswkij und Sokurow einen par­allelen Kosmos zu dem der Bil­der fügen.

 

Peter W. Jansen

„Avetik". Deutschland/Armenien 1992; R, B, Su. A: Don Askarian; P u. M: Margarlta Woskarian; K.Gagik Avakian, Martin Gressmann, Andreas Sinanas: D: Alik Assatrian, Mikael Stepanian, Ka­ren Ganibekian, Eduard Saribekian, Samvel Ovasapian, Geno Lechner; Farbe, 84 Minuten.

 

HERAUSRAGEND

 

Deutschland/Armenien 1992; R: Don As­karian; D: Alik Assatrian, Mikhael Stepa­nian, Karen Ganibekian, Eduard Saribekian, Samvel Ovasapian, Geno Lechner; 84 Minuten.

Die deutsch-armenische Koprodukti­on des in Berlin lebenden Armeniers beschwört Bilder, Visionen und Träu­me von der verlorenen und von Erd­beben und Krieg geschändeten Hei­mat. Voller Assoziationen und poe­tisch, sind die Bilder fast nur für sich selber da und dienen keinem anderen epischen oder dramatischen Zweck. Unter den Ikonen des Kinos seitTarkowskij die rätselhaftesten und schönsten.
Acud bis 10.20.00,22.00 (außer Fr)

Camera bis 10.18.00,23.00

Filmmuseum Potsdam 11.+13.21.00

Moviemento 2 bis 10.20.30+So 16.30

Moviemento 3 ab 11.20.00 + SaSo 15.00

Steinplatz tgl. 18.30, 20.30