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| Kritiken - Deutsch | |
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TIP 40 23/93
DER IKONENMALER
Heimat aus der Erinnerung: In seinem neuen Film „Avetik" betreibt der in Berlin lebende armenische Regisseur Don Askarian wie schon in dem Vorgänger „Komitas'" eine Archäologie des Gedächtnisses
von Peter W. Jansen
Lange Fahrten und Schwenks mit der Kamera: Landschaften, Häuser, Kirchen, Grabsteine, ein Bach und im Wasser eine alte Fotografie; oder: ganz langsam geht der Blick auf eine Wand, über die immer heftiger das Wasser rinnt, bis der Putz mit dem verblichenen Fresko blättert und abfällt und eine Nische mit Karaffe und Becher freigibt, aus der eine Schriftrolle sich löst und entrollt; oder: ein Panoramaschwenk von 360 Grad durchs ganze Dorf, und wenn die drei Musizierenden wieder ins Bild kommen und die Vase mit Milch vor ihnen, genügt ein schriller Ton, und das Glas zerspringt, und die weiße Flüssigkeit ergießt sich über den kleinen runden Tisch; oder: Tiefenschärfenverlagerungen und in die Schreibbewegung hinein bewegen sich die Reiter zwischen den Geschlachteten und Gekreuzigten. Das ist der Film „Komitas", und das sind vielleicht
drei Dutzend Einstellungen.
Wenn „Avetik" auch dreimal soviel Schnitte enthalten mag -
beide Filme lassen sich Zeit. Alle Zeit, die es braucht, der Zeit zuzusehen.
Und ihr zuzuhören. Wie sie mit dem endlosen Regen, wie sie mit dem Wasser
im Bach, dem Blut der Ermordeten verrinnt. Und wie sie noch klingt in dem
Glasglockenschlag der Urinflaschen, die der Kranke in seinem dürftigen
Zimmer an Schnüren von der Decke hängen und gegeneinander schlagen läßt.
Ein Mann geht über eine Straße in Berlin und legt sich mitten auf den
Damm. Doch er hört, wir hören nicht die Pneus auf dem Asphalt, sondern
den Regen oder einen Bach, eine Quelle oder auch nur eine Pfütze in
Armenien. Unterm Pflaster ist der Strand. Filme von Don Askarian sind Bilder, die Geschichten erzählen, und nicht umgekehrt. Jede Einstellung ist auch eine Geschichte. Diesen Bildern ist noch nicht widerfahren, was ihnen Wim Wenders nicht ersparen konnte: daß sie für etwas anderes in Dienst genommen werden, für Geschichten, die nicht sie selber sind. Die Bilder von Askarian sind die eines filmenden Ikonenmalers, denn wie die Ikone ist jedes Bild statisch und bewegt zugleich und seine eigene Legende. Jedes Bild in „Komitas" kann für sich bestehen und braucht die anderen Bilder nicht. Die Filme von Don Askarian sind so sehr Zeit an sich, daß sie zu existieren aufhören müßten, sobald sie fertig sind oder man sie gesehen hat. Immer wieder wird Feuer gelegt, es brennen Papier oder Betten. Decken und Kleider, und es ist, als ob es die Zeit selber wäre, die hier lodert und verglüht. So gehen denn auch Uhren in Flammen auf, und ihre Zifferblätter, als wären sie aus Wachs, werden weich und biegen sich wie auf einem Bild von Salvador Dali, während das Uhrwerk noch eine Weile weiterläuft wie der Körper eines Geköpften. Während das Herz noch schlägt, ist das Leben schon zuende. Es ist der Widerspruch der Filme von Don Askarian, es ist
der Widerspruch des Filmischen schlechthin, daß die Filme nicht vergehen
mit der Zeit, die sie abbilden und deren Teil sie sind. So hinterlassen
sie ein Schuldgefühl. Sie lassen als Schuld empfinden, daß man selbst
nicht vergangen ist mit ihnen. Und daß man sie wiedersehen wird. Und sei
es im Kopf, der sie überlebt. Denn die Zeit, die in ihnen mit dem
Wasser verrinnt und mit dem Feuer verbrennt, wird von ihnen gleichwohl wie
unter Glas konserviert. Sie ist zur ewigen Wiederkehr und zu einer
Gegenwart verurteilt, die ihre eigene Vergangenheit und Zukunft ist. Don Askarian stammt aus Armenien, wo es armenischer kaum sein könnte: aus Stepanakert, Nagorny Karabach. Er hat in Moskau studiert, als Assistent und Filmkritiker gearbeitet und zwei Jahre im Gefängnis gesessen, ehe er 1979 nach Berlin (West) emigrierte. „Komitas" (1985-88) und „Avetik" (1990-92) sind als deutscharmenische Koproduktionen entstanden. Der eine wie der andere ist Arbeit der Erinnerung und Trauerarbeit: angesichts der Geschichte Armeniens und des an den Armeniern 1915 von den Türken begangenen Völkermords, des ersten der Geschichte; angesichts der Fremdheit der Emigration. „Komitas" kann man lesen (und in den Gedichten und
Gesängen hören) als eine Huldigung an den armenischen Dichter und Sänger,
der nach dem Genozid an seinem Volk verstummte und in den Irrenanstalten
des Westens verdämmerte, ehe er zwanzig Jahre später starb. Aber der
Film ist zugleich die tief verrätselte Ikonografie der Heimat, ihrer
Geschichte und der Sehnsucht nach ihr, die persönliche Kosmologie eines
verschütteten und wieder ausgegrabenen Gedächtnisses. Mit „Avetik", dem Porträt, wenn man so will, eines armenischen Filmemachers, den es nach Berlin und in eine kleine Wohnung gleich neben der alle leisen Geräusche ermordenden S-Bahn verschlagen hat, ist Armenien, so scheint es, ferner geruckt. Die Erinnerung und die Visionen, auch wenn sie sich leicht und wie ungerufen einstellen mögen, und es bedarf oft nur einer Bewegung und eines Bildes, nehmen sozusagen einen Anlauf, ehe die Assoziation Avetik und den Film aus dem Gefaengnis der real existierenden Szene befreit. Das mag die größere stilistische und bildnerische Vielfalt und die syntaktische Unruhe von „Avetik" erklären. Obwohl auch so etwas wie ein Interviewfilm (mit einer Frau für
die Fragen; aber auch für die bedrückende Geschichte von dem
Studenten, der sich obsessiv für Bilder von Hinrichtungen interessierte...),
ist „Avetik" ähnlich wie „Komitas" ein fast stummer Film.
Die Darsteller, deren meist unbewegte Mienen und sparsame Gestik allem
Dramatischen widersprechen, das von ihnen ausgehen könnte, wirken wie
Assistenz- oder Stifterfigurcn auf gotischen Altarbildern - oder auf
Ikonen. Sie sehen der Geschichte zu, die sie erleiden, und den mystischen
und magischen Bildern, die von weither kommen und Visionen und Träume
anderer, von verblichenen Ahnen sein mögen. Zutiefst christlich und heidnisch in einem, erinnert die Bildsprache Askarians an die Tarkowskijs - oder, unter den Lebenden, die von Alexander Sokurow. Sie ist von einer nostalgischen Poesie, voller Trauer und Schwermut und doch, im unfaßlichen Vertrauen darauf, daß das Wasser fließt und sich die Blätter der Bäume im Wind bewegen, voller Einblicke in die Schönheit von Zeit und Vergänglichkeit. Noch, so scheint es,und wieder muß an Wenders gedacht werden, ist diese Sprache nicht gefährdet von den Zwecken. Noch ist sie ganz bei sich und noch kann sie sich weiter entwickeln, wie sich Askarians Bilder oft aus Kokons enthüllen. Wenn erst einmal die S-Bahn nicht mehr über Hammer, Amboß und Steigbügel ins Ohr fährt und Geräuschgedichte möglich werden, wie sie bei Tarkoswkij und Sokurow einen parallelen Kosmos zu dem der Bilder fügen.
Peter W. Jansen „Avetik". Deutschland/Armenien 1992; R, B, Su. A: Don Askarian; P u. M: Margarlta Woskarian; K.Gagik Avakian, Martin Gressmann, Andreas Sinanas: D: Alik Assatrian, Mikael Stepanian, Karen Ganibekian, Eduard Saribekian, Samvel Ovasapian, Geno Lechner; Farbe, 84 Minuten. HERAUSRAGEND Deutschland/Armenien 1992; R: Don Askarian; D: Alik Assatrian, Mikhael Stepanian, Karen Ganibekian, Eduard Saribekian, Samvel Ovasapian, Geno Lechner; 84 Minuten. Die
deutsch-armenische Koproduktion des in Berlin lebenden Armeniers beschwört
Bilder, Visionen und Träume von der verlorenen und von Erdbeben und
Krieg geschändeten Heimat. Voller Assoziationen und poetisch, sind
die Bilder fast nur für sich selber da und dienen keinem anderen epischen
oder dramatischen Zweck. Unter den Ikonen des Kinos seitTarkowskij die rätselhaftesten
und schönsten. Camera bis 10.18.00,23.00 Filmmuseum Potsdam 11.+13.21.00 Moviemento 2 bis 10.20.30+So 16.30
Moviemento 3 ab
11.20.00 + SaSo 15.00 Steinplatz tgl. 18.30, 20.30 |