| . | |
|
|
|
| Kritiken - Deutsch | |
|
Sueddeutsche Zeitung 17.03.1994
Ein Armenier träumt sich aus dem Exil in seine Heimat: „Avetik" Unterm
Pflaster liegt ein fernes Land: Ein Mann legt sich in Berlin mitten auf die Straße, lauscht in den Asphalt hinein und hört das Rauschen eines Bachs. Und zu den Wundern des Films gehört, daß man sich mit dem nächsten Bild in Armenien befindet, dem Land der Sehnsucht. Ein kleiner Schnitt, und man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Der Armenier Don Askarian wohnt seit 1979 in Berlin, hat Der Bär
inszeniert, dann drei Jahre lang an Komitas gearbeitet, einen
Dokumentarfilm über seine Heimat Berg-Karabach gedreht und nun mit Avetik
einen Film geschaffen, in dem er sich aus dem Exil fortträumt in die von
Erdbeben und Völkermord heimgesuchten Landschaften seiner
Vergangenheit. Dabei führt die Reise nach Innen, in immer tiefer liegende
Schichten der Erinnerung, hinab zum Epizentrum der Erschütterungen.
Am Anfang schläft der Titelheld Avetik in seinem Zimmer in Berlin, während
der Wind die Papiere im Raum verstreut und die vor dem Fenster
vorbeidonnemde Hochbahn die Dinge vom Tisch tanzen läßt. Was dann kommt,
folgt einer ganz eigenen Logik, durch die sich die Welt wie im Traum
zusammensetzt. Im Land des Erinnerns herrschen andere Gesetze, deren
Schwerkraft am besten ein Satz des Regisseurs beschreibt: „Vor
genau dreißig Jahren und einem Monat, an einem sommerlichen Nachmittag
löste sich eine reife Birne vom Baum in Großvaters Garten und begann,
langsam, unerträglich langsam zu Boden zu fallen." Er habe versucht, sagt Askarian auch, dem Film keine symbolhafte Bedeutung
aufzuzwingen. Wenn man also sieht, wie eine Bäurin einem verwaisten Lamm
die Brust gibt, dann kann man sich getrost der Schönheit dieser Geste
hingeben, ohne sich über ihre Bedeutung den Kopf zerbrechen zu müssen. Die Bilder sind vom Moos der Erinnerung überwachsen und vom Frost des Vergessens zernagt. Manchmal scheinen sie sich wie Blätter im Herbst zu verfärben, dann wieder wirkt es so, als würde die Farbe von ihnen abblättern. Und die Mädchen liegen neben aufgeschlagenen Büchern träumend im Laub, während die Jungs in den Bäumen über ihnen Brombeeren zerquetschen und Honigwaben anzünden und damit ihre Brüste beträufeln, auf denen ein weißer Falter zappelt. Das kann alles oder nichts bedeuten. Verwunderung ist ohnehin nicht die schlechteste Art, sich einem Film anzunähern. (In München im Theatiner.) MICHAEL ALTHEN |