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| Kritiken - Deutsch | |
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Gunther Rohrbacher-List Im
März 1988 lernte ich Don Askarjan und seine Frau und Produzentin
Margarita Woskanjan kennen. Die beiden kamen zusammen mit einem
ebenfalls in Berlin lebenden Armenier nach Ludwigshafen zu einer
Veranstaltung zum Thema „Pogrom gegen Armenier - Partnerschaft mit
Sumgait?" Ende Februar 1988 hatte sich in der aserbaidschanischen
Retortenstadt Sumgait ein Pogrom gegen die dort lebenden Armenier ereignet.
Mehrere Hundert Menschen wurden dabei auf bestialische Weise ermordet. Die
Ludwigshafener Stadtoberen, den Aseri-Apparatschiks eng verbunden, schwiegen
und wiegelten ab, um wenig später ihre gemäßigte Empörung auszudrücken.
Zu wenig für Don Askarjan: „Einem Mörder könnte ich niemals die
Hand reichen", sprach er aus eigener Betroffenheit, denn der Pogrom
war durch den Konflikt um die armenische Enklave Nagorny-Karabagh ausgelöst
worden. Armenier
und Armenierinnen aus allen teilen der Rhein-Neckar-Region hatte der Regisseur
angezogen. Auch der Südwestfunk Mainz und DIE ZEIT waren präsent und
hoben per Askarjans Engagement das für Ludwigshafen peinliche Ereignis
auf eine überregionale Ebene. Im
November 1992 kam Don Askarjan wieder in die Kurpfalz. Diesesmal zur
Weltpremiere seines neuen Films „Avetik". „Ich habe mehr als 10
Festivals abgesagt, die 'Avetik' haben wollten: Montreal, Toronto, San
Sebastian, Hof, Thessaloniki, -und der Berlinale habe ich den Film nicht
einmal gezeigt. Bei Mannheim habe ich gespürt, daß hiermit Dr. Michael
Klotz ein Mann den Autorenfilm unterstützt." Don
Askarjan wurde 1949 in Stepanakert, der Hauptstadt von Nagorny Karabagh,
geboren. Nach dem Schulbesuch studierte er von 1967-1973 Geschichte und
Kunst in Moskau. Danach arbeitete er zwei Jahre lang als
Produklionsassistent und Filmkritiker. Es folgten von 1975 - 1977 zwei
Jahre Gefängnis wegen seines regimekritischen Engagements. 1978 folgte
die Emigration, seit 1979 lebt Don Askarjan in Berlin. Von
1983- 1984 wirkte er an der Realisierung des Films „Der Bär"
nach einer Erzählung von Anton Cechov mit, der auch wiederholt im
Fernsehen gesendet wurde. Es folgte von 1985 - 1988 die Produktion von
„Komitas", der an mehr als 25 internationalen Festivals teilnahm,
so in Venedig, Rotterdam, New York und Toronto. Beim Rigaer
Arsenal-Festival gewann er - wie auch beim Max Ophüls-Festival - einen
Preis. Als
die Weltöffentlichkeit ihr Augenmerk mehr und mehr auf Nagorny-Karabagh
richtete, folgte ein Dokumentarfilm über Dons Heimat. „Avetik"
ist sein neuester Film, entstanden 1990 - 1992 in Berlin, Nagorny-Karabagh
und in Armenien, unter teilweise riskanten Bedingungen. CoProduzent Eberhard
Scharfenberg vom NDR nennt sie gar „mörderisch'', herrschte an den
armenischen Drehorten doch Bürgerkrieg, und dies barg für alle
Beteiligten ein persönliches und auch finanzielles Risiko. „Avetik"
erzählt die Geschichte eines armenischen Emigranten in Berlin, seine
Reaktion auf die tragischen Geschehnisse während des Erdbebens in
Armenien und seine Reflektionen über die Geschichte seines Volkes, den
Völkermord an den Armeniern in der Türkei im Jahre 1915. Eines Tages klingelte es bei Don Askarjan in der Niebuhrstraße. Er öffnete die Tür, und vor ihm stand ein Mordkommissar der Berliner Polizei. Der reichte ihm ein schwarzes Hefl mit roten Ecken aus dem Nachlaß eines armenischen Emigranten, der kurz zuvor in Berlin mit sieben ungewöhnlich präzisen Axtschlägen ermordet worden war. Die Lektüre des Buches inspirierte Don Askarjan, „Avetik" in Angriff zu nehmen. Auszüge
aus dem Tagebuch: „Heute sah ich einen Dokumentarfilm über das Erdbeben
in Armenien. Die Russen haben ihn drehen lassen, um den Westen, vorab die
Diaspora-Armenier, zu melken. Eine Frau, tot unter den Betonplatten, ist
meiner Mutter sehr ähnlich. Habe ich im Schlaf geweint? Ist sie noch
am Leben? Ich habe kein Geld, es ihr zu schicken. Wie unter Hypnose rannte
ich zur Kreuzung und legte mich auf den Asphalt. Die Autos hupten wütend,
ich aber hörte nur das Rauschen eines kleinen Flusses unter der Erde.
Diese stinkende Großstadt ist mir doch weniger wert als eine einzige
Libelle, die so blau, lila, türkis ist wie das Spiegelbild des Himmels
auf dem Wasser. Wer kann noch so lieben? Im kreisenden senkrechten
Flug!" Don
Askarjan nennt Avetik, den Emigranten, einen „Flüchtling" oder
„Fremden" der „eine Adresse in Berlin hat". Der Film mit
seinen wunderschönen Einstellungen ist nicht nur eine Erinnerung an den Völkermord
von 1915, sondern auch an seine Fortsetzung heute in Nagorny-Karabagh, an
der Grenze zu Aserbaidschan, wo der Film gedreht wurde. Don Askarjan
schreit auf: „Die zerbombten Gärten meiner Kindheit! Die Türken und
Russen haben aus meiner Heimat eine Müllkippe gemacht!" Die Geschichts-(Völkermord) und die Natur-(Erdbeben)-Katastrophen sehen die Armenier auf derselben Ebene. „Der Großteil der Bevölkerung glaubt fest daran, daß das große Erdbeben 1988 von der Roten Armee mit Hilfe der seismischen Waffen künstlich ausgelöst worden ist, als eine Reaktion auf die Unabhängigkeitsbewegung." In „Avetik" flüchtet am Ende eine Bauernfamilie aus ihrem zerstörten Dorf. Sie schleppt ein Buch, eine Kirchentür und einen Kreuzstein. Beim
Internationalen Film-Festival in Mannheim erhielt der Film von Don Askarjan
und Margarita Woskanjan den Sonderpreis, was die lokale und regionale
Presse nur wenig oder gar nicht zur Kenntnis nahm. Ein Film wie
„Avetik", der nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch
wirkt, hätte mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Stattdessen stürzten
sich die Feuilletonisten auf den Streifen mit dem größten Andrang, der
auch prompt prämiert wurde. Don Askarjan: „Eine große Fete wird gemacht
... und die abgenagten Knochen -den Künstler - schmeißt man dann in die
Ecke... ich
finde es unerträglich, wenn die Filmkunst als Alibi für irgendwelche Geschäfte
herhalten muß." Der armenische Regisseur wird diesem Trend nicht nachgeben, ihn zeichnet aus, daß er politisch glaubwürdig und menschlich integer ist. So wie seine Filme eben, siehe „Avetik". |