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Neues Deutschland 25. November 1993
"Komitas" von Don Askarian
Fenster ins Leben

 

Viele stellten seit Dostojewski oder Beckett fest: Der einzige erträgliche und angemessene Ort für den Weisen ist das Bett in der Irrenanstalt. Don Aska­rian folgt diesem Gedanken in seinem Filmkunstwerk „Ko­mitas" (1988): Nur in der An­stalt, im normalen Zentrum einer irren Welt, in der Internierungszone, die ihren Insas­sen Schutz vor dem rasenden Morden der Wirklichkeit ge­währt, läßt sich Wahrheit den­ken, tötende Gewohnheit durchbrechen und - die Voraussetzung von allem - es läßt sich wunderbar kompromiß­los schweigen. Hier findet die Zeit nicht mehr statt, und nur hier gibt es genug Raum für eine Vernunft, die sich durch Erinnerung am Leben erhält.

Don Askarian vermählt in „Komitas" die Wahrnehmung des Zuschauers mit "der Per­spektive des freiwillig Inter­nierten, der die Gitter vor sei­nem Fenster braucht, um sich vor der Welt zu schützen. Ko­mitas, das war der armenische Musiker und Sänger, dem es Noten und Gesang verschlug, als die türkischen Besatzer in seiner Heimat brandschatzten und mordeten. - Kein ober­flächliches Bekenntnis, keine Wertung geht Askarian durch das Objektiv. Seine kinematographische Ästhetik erfindet die Langsamkeit und hüllt sich in sie wie in einen Mantel. Es gibt wenige Einstellungen, wenige Schnitte und dennoch Brüche, die den Eindruck er­wecken, als wären sie nicht aus außenstehenden Kamera­perspektiven gefilmt, sondern Bilder, die in den Augen des Komitas entstehen. Langsam schwingen sich die Objektivaugen durch die angehaltene, sichtbare Zeit. Schweigen ver­bildlicht sich als einzige Mög­lichkeit zu sprechen.

Nichts ist voraussehbar, die Anfänge und Enden sind un­bekannt, die Zuschauer wer­den verstrickt in die Vielge­staltigkeit der Ebenen, kön­nen nicht ausweichen. Aber nicht der Tod tritt ein, son­dern eher Leben, befreit vom Müll der alltäglichen Sehgewohnheiten. Getragen von der Melodik der filmkünstlerischen Instrumentarien Askarians reist der Blick auf einem leisen Rhythmus, auf der so­noren Stetigkeit eines ortho­doxen Chorals. Der Film, dem etwas Geheimnisvolles, Un­durchdringliches eigen ist, hat Musik und eröffnet neue Zeit­fenster, neue Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizonte, bringt das Publikum in Be­drängnis, zwingt zur Ausein­andersetzung, überschreitet die Schmerzgrenze der Sinne.

MARJO STUMPFE