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HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG Nr. 266 o SONNABEND, 13. NOVEMBER 1993
Feuilleton
"Avetik" 

 

Ein Film wie der ewige Wind: das Klappern halbgeöffneter Fenster im Winddruck der vorbeirumpelnden Berli­ner S-Bahn, die Schneekristalle im Kau­kasus - und über allem der Dunst des Vergänglichen. Wie ein Blatt treibt Avetik als Emigrant durch Berlin, als Kind durch seine grüne, braune, weiße Heimat Armenien.

Die Kamera streift durch die urbane Wohnung und über die Militäranlagen der Russen unter und auf den Gletschern Armeniens, über die Grundmauern und Fragmente christlichen Glaubens nach den Verwüstungen des türkischen Feld­zuges 1915 mit dem Völkermord an den Armeniern. Wie beiläufig sieht sie russi­sche Truppen mit Flammenwerfern im Dorf und die Tagesschau, während Avetik auf die Super-8-Bilder des Erdbebens in Armenien 1988 starrt.

Don Askarian, geboren in Nagomy Karabach, hat einen leisen, sogar poetischen Film über seine vom Bürgerkrieg gepei­nigte Heimat gedreht, der knapp aus dem Leben und der Geschichte seines Volkes erzählt. Der Regisseur läßt seine Haupt­figur, den Filmemacher Avetik, sprechen:

„Wenn ein Filmemacher ein Massaker in­szeniert, das Dschingis-Khan alle Ehre machen würde, gleicht er dann nicht ei­nem KZ-Aufseher, der sich seiner Lieb­lingsbeschäftigung widmet, mit Hilfe ei­ner Kamera und einigen, natürlich pro­gressiven Ideechen?" Dies scheint pro­grammatisch für das, was Don Askarian in der armenisch-deutschen Koproduk­tion nun in jedem Fall nicht wollte.

„Avetik" läuft als Film des Monats heute und Sonntag jeweils um 18.30 Uhr,. am 15., 16., 22. und 23. November jeweils um 21 Uhr im Künstlerhaus-Kino. Au­ßerdem zeigt das Koki heute um 21 Uhr sowie, am 15. und 17. November jeweils um 18.30. Uhr „Comitas" -- den vorheri­gen Film des Regisseurs. Und heute ab 12 Uhr findet dort ein Seminar mit Aska­rian statt, hoc.