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Kritiken - Deutsch

FAZ, 7.09.1988
ARD, 11.09.1988

DER TAGESSPIEGEL, 18.09.1988

SONNTAGSGRUSS, 7.1989

Gottinger Woche, 10.02.89

LA NUOVA, 11.19.1992
Variety, 21.12.1992

Pogrom Nr169, 02-03 1993

Film & Fernsehen, 5.93

FILM UND FERNSEHEN, 5.93

Filmwarts, 9.1993

Film-Dienst, 10.1993

BZ, 04.11.1993

BZ/66, 04.11.1993

Journal Frankfurt 5-18.11.1993

Berliner Morgenpost, 5.11.1993

Die Tageszeitung, 5.11.1993

FAZ, 12.11.1993

HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG, 13.11.1993

Berliner Zeitung, 18.11.1993

REINISCHE POST, 19.11.1993

Der Tagesspiegel, 23.11.1993

Neues Deutschland, 25.11.1993

EPD Film, 1.1994

ADK, 3.1994

Sueddeutsche Zeitung, 17.03.1994

AZ feuilleton, 17.03.1994

Bielefeldes Stadtblatt, 23.02.95

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Film-Dienst" Okt.1993
30505


AVETIK

Sich auf die Straßen der Stadt legen und unter dem Asphalt den fernen Atem des Lebens spüren: Avetik, armenischer Filmemacher im Berliner Exil, hat auch nach Jahren in der Fremde nicht Fuß fassen können. Wie in einen Schacht gräbt sein Gedächtnis in die Tiefe, legt Schicht für Schicht Bilder der Erinnerung frei. Vom Geheimnis einer Kindheit in der entlegenen Bergwelt Armeniens, wie ein selt­sames Spiel, ungebunden und doch geborgen. Von erwachender Männlichkeit beim ersten Anblick entblößter Brüste. Von nackten Rei­tern, die ihre Pferde im See baden. Dann der jähe Lärm der geschäftigen Stadt mit dem un­erträglichen Dröhnen der S-Bahn, die anteillos ,an den Fenstern der Wohnung vorüberzieht. Ein karger Zufluchtsort, in dem alles an die Heimat erinnert, ohne das Zuhause zu erset­zen. Mit dem Teleobjektiv beobachtet Avetik einen Mord unter Obdachlosen, während eine Journalistin im Tagebuch seines einzigen deutschen Freundes Protokolle von Hinrich­tungen liest. Abermals geht der Blick nach Ar­menien. Dichte Rauchschwaden lagern über verbrannter Erde, dazwischen Gestalten mit Gasmasken und Schutzkleidung. Eine Schaf­herde ist in die Berge entflohen. Ein Hirt fin­det die Tiere elendig erfroren im Schnee. Ein Wetterleuchten kündet von weiterem Unheil. Felsbrocken lösen sich auf rätselhatte Weise und rollen donnernd zu Boden, Metallteile krachen magisch aufeinander. Panzer nahen, und eine dumpfe Detonation legt alles in Schutt und Asche. Dokumentaraufnahmen der Katastrophe projiziert Avetik auf die Wände seiner Wohnung, nüchtern kommentiert von den „Tagesthemen". Ein Vogel zerschellt an der Fensterscheibe. Ein lel/.tes Mal gehl der Blick nach Armenien, nun ein einziges Trümmerfeld. „Ist es eine Strafe Gottes, ein Fluch oder das Schicksal?", fragt in einer Schlüsselszene Avelik, das aller ego des aus Armenien stam­menden Filmemachers Don Askarian, der En­de der 70er Jahre nach Berlin emigrierte. Ein Film sehr persönlicher Sinn-Suche also, ange­regt durch Tagebuchaurzeichnungen eines er­mordeten Landsmanncs. Subjektive Geschich­te und Schicksal seines Volkes werden wie ein Teppich eng verwoben, wo die Fäden aus Ver­gangenheit und Gegenwart, Erfahrung und Ahnung zu metaphorischen Motiven zusam­menlaufen. Wie in einem Traum verschränken sich Zeit und Ewigkeit, Geschichte und Ge­sichte, Vor- und Unterbewußtes zu Wahr-Zeichen einer nachgerade unaussprechlichen Tragödie. Jenseits linearer Erzählkonvention schafft Askarian eine visionäre Ikonographie, koloriert aus den Kontrasien von Schrecken und Schönheit. Katastrophen in Natur und Ge­sellschaft, die auf derselben Ebene gesehen werden, münden letztlich in ein Menetekel der Zersetzung. Der komplexe, zumeist in Gegenbildcrn indirekt vermittelte „Inhalt" entzieht sich freilich einer eindeutigen und endgültigen Interpretation. Sei es die Emigration im We­sten oder das Erdbeben in Armenien, die Erin­nerungen an Kindheit, Liebe oder Tod, das Er­leiden des deutschen Rassismus oder der all­gegenwärtige Genozid - jedes einzelne „Kapi­tel" spricht eine Vielzahl von sich verschrän­kenden Ebenen der Reflexion an... .


KOMITAS

Ein Geistlicher In bodenlangem Gewand, den Blick abgewandt vom nahen Bachlauf, auf dem eine vergilbte Fotografie ruhig dahindriftet. Ein Bild meditativer Stille, plötzlich ab­gelöst von ohrenbetäubendem Lärm der Schal­mei. Glockengeläut mischt sich mit Gewitter­groll, und sacht einsetzender Regen rinnt über verwitterte Mosaiken, die Stück für Stück vom Mauerwerk bröckeln, während von Ferne all­mählich ein Choral herüberklingt.
Schon die ersten Sequenzen, zwischen lyri­scher Ruhe und dramatischer Anspannung, schlagen in extremen Kontrastkompositionen den Bogen von betörender Schönheit zu unsäglichem Schrecken. Das „Dazwischen", das zunächst keinen kausalen Zusammenhang zuläßt und sich somit einer Visualisierung ent­zieht, steht für den letztlich unfaßbaren Völ­kermord an den Armeniern. Ideale Identifikationsfigur, um die direkte Darstellung von Ak­ten der Grausamkeit (bis auf wenige Schwarz-Weiß-Aufnahmen) bewußt auszusparen und dennoch der Historie gerecht zu werden, ist die Gestall des Soghomon Soghomonian, bes­ser bekannt unter dem Namen Komitas (nach einem berühmten Hymnenschreiber der Frühzeit). Komitas, begnadeter Mönch und Musi­ker, wurde 1915 auf dem Weg in die Verbannung Augenzeuge des Massakers der Osmanen, dem zwei Millionen seiner Landsleute zum Opfer fielen. Seitdem komponierte der 1869 geborene Klassiker der armenischen Mu­sik keine einzige Note mehr und verbrachte die verbleibenden zwanzig Jahre bis zu seinem Tode 1935 in halb-autistischer Selbstbeschränkung in psychiatrischen Kliniken im Ausland. Im Film durchwandert Komitas die verloren­gegangenen Welten der Erinnerung an einstige Zeugen der armenischen Kultur, während in den wiederholt eingeflochtenen Szenen im Hospital die Zeit selbst zum Stillstand gekom­men zu sein scheint.
Weit entfernt von einer konventionellen Künstlerbiografie konzentriert sich das den Opfern des Völkermordes gewidmete Werk auf einige wenige Andeutungen und Assozia­tionen, wenn beispielsweise auf den späteren Rachemord an Großwesir Talaal Pascha, den Organisator des Genozids, mit den Worten verwiesen wird: „Du weißt, daß sie ihn er­schossen haben, auf offener Straße in Berlin, ein ganz junger Bursche hat es getan." Im ge­heimnisvollen Zusammenspiel von spiritueller und sichtbarer Realität, der ihm eigenen Ver­schlossenheit und gelegentlichen Verstiegenheil nimmt der im Exil in Berlin lebende Ar­menier Don Askarian Methode und Motive seines Films „Avetik" (fd 30 505) vorweg. Je­de einzelne der insgesamt zwölf Episoden, die Lebens - und Zeitbild nicht-linear ineinanderblenden, beeindruckt in ihrer suggestiven Bildschönheit....

Roland Rust