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Die Tageszeitung, 5.11.1993

FAZ, 12.11.1993

HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG, 13.11.1993

Berliner Zeitung, 18.11.1993

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Der Tagesspiegel, 23.11.1993

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Film&Fernsehen 5/93 Wolf Donner uber die Fllme "Avetik" und "Komitas"
EINE FERNE, FREMDE WELT Wolf Donner uber die Fllme"A"eiik" und "Komilas" von Don Askarjan

 

Manchmal funktioniert das noch im Kino. Man betritt eine ferne, fremde Welt, man läßt sich bestricken von wunderlichen Bildern, Figuren, Vorgängen. Man muß Geduld mitbringen, Neugier, sogar Vorkenntnisse. Man begegnet versunkenen Kulturen, vergessener Historie, Unbekanntem, Exotischem. Die Weltsprache Film, die jetzt nach hundert Jahren im beherrschenden dümmlichen Kommerz zu ver­kommen droht, die in ihren besten Zeiten ein globaler Dialog war, eine Verzauberung durch den Aus­tausch von Identitäten, Nationalitäten, künstlerischen Traditionen, manchmal erinnert sie uns noch an diese alten Qualitäten. Der Betrieb, die Szene, das Tagesgeschehen gehen schnell darüber weg, aber in den Nischen, in den marginalen Zonen überdauern solche Filme. Sie kommen aus Indien, Afrika, Asien, gelegentlich gehören sie zum »mainstream« wie Campions »Piano«, ganz selten entstehen sie sogar hier, wie die beiden Filme von Don Askarjan.

»Komitas«. Die Geschichte eines berühmten Armeniers, Geboren 1869, Priester, Sänger, Kompo­nist, Musikforscher, Philosoph. Er studierte in Titlis und Berlin, arbeitete ab 1910 in Istambul. Nach dem türkischen Genozid an den Armeniern 1915 schrieb er kein Wort, keine Note mehr. Zwanzig Jahre lang dämmerte er in europäischen Nervenkliniken vor sich hin. Askarjans Filmfigur, der alte, fast ganz verstummte, fast ganz vergessene Geistliche und Künstler, erinnert sich an Lebensstationen, an die Kultur, die Landschaft, die Tragödie seines Volkes. Es sei »ein Dokumentarfilm über die Seele, den Geist des Komitas«, sagt Askarjan- »Ich bin nicht der Autor des Films: Die Autoren sind zwei Millio­nen Menschen, die getötet wurden, zwei Millionen Armenier. Ich war nur der Diener, durch den diese zwei Millionen Toten sich selbst ausdrückten.«

»Avetik«. Ein armenischer Emigrant, ein Dokumentarfilmer, in einer tristen deutschen Stadt. Er verfolgt das aktuelle Geschehen in Berg Karabach und Aserbaidshan, arbeitet an einem Dokumentar­film über Verfall, Flucht, Vernichtung und Tod in Armenien. Auch er hat Träume, Visionen, Erinnerun­gen: Kindheit, Pubertät, Literatur, Musik, Film, Mythus, Religion, Trauer, Tod. Die Realität um ihn wird absurd, Tagträume werden real. Aus dem Fenster beobachtet Avetik einen Mord unter Pennern, während ihm eine Journalistin eine schreckliche, präzise, erbarmungslose Passage über die Deutschen aus Nabokovs »Speak Memory« vorliest. Der alte König Artasches reitet in sein ärmliches, von S-Bahn und Verkehr umtostes Zimmer, diskutiert mit ihm über die armenische Vergangenheit, raucht eine. Aporien, Phantasmagorien: religiöse Kulthandlungen, erotische Dichtungen aus dem armenischen Mittelalter, Legenden, die Massaker, bukolische Genreszenen.

Die zwei Filme gehören zusammen, sind Varianten eines Grundthemas. Armenier in der Diaspora, in der inneren Emigration. Sie igeln sich ein, träumen sieh weg aus einer negierten Gegenwart und Umgebung in die traumatischen Bilder, in die Assoziationen und Epiphanien der Vergangenheit. Die erbärmliche deutsche Unterkunft des Avetik könnte das Zimmer des Komitas in der französischen Kli­nik sein. Sie beide sind Gezeichnete, leidende, starr und abweisend und verschlossen, sie verweigern sich ihren Mitmenschen. Sie sind so besetzt von den furchtbaren Erinnerungen, daß sie nicht mehr kommunizieren, kaum noch reden können. »Komitas" das Porträt eines zerrütteten und doch ganz kla­ren Geistes, durchtränkt von Kultur, Musik, Religion und historischen Reminiszenzen, ein unendlich melancholischer, aber sorgfältig illustrierter, genau protokollierter Bewußtseinsstrom. »Avetik« der quälende Wachtraum von einem, der immer auf der Flucht und in der Fremde war, ein zur Untätigkeit verdammter Rebell, hilflos, zutiefst verstört, erstickt in seinem ohnmächtigen Zorn. Zwei Käuze, zwei Unbehauste, zwei Opfer.

Der prägende Eindruck beider Filme ist ihre feierliche Ruhe, der hohe Ton des Erhabenen. Lange, langsame Kamerafahrten, entlang an Flußufern und Mauern, durch Berge, Bäume, Ruinen und allegori­sche Arrangements, Figuren begleitend mit dokumentarischer Distanz. Der getragene optische Duktus setzt siech fort in langen dummen Sequenzen, konsequent ohne Musik, in Gängen und Bewegungen der Figuren, die in die Zeitlupe zu entgleiten oder zu erstarren scheinen. Fast nichts passiert, nichts stört den insistierenden Blick der Kamera, die sich in Landschaften, Interieurs, Details versenkt, nichts stört die meditative Konzentration. Poetische Gespinste, brüchige Stilleben, ganz künstliche Kompositio­nen. Figuren in der Natur, in Bäumen, in engen Zimmern und verfallenden Gebäuden, in Dekoratio­nen; das Gemachte, Inszenierte wird nicht überspielt, sondern betont.

Die Grundelemente wiederholen sich. Christliche Mythologie und Ikonografie, Lämmer, Tau­ben, Kreuze, Kerzen, Opfergaben, rituelle Akte, alte geistliche Gesänge. Hommagen an die armenische Landschaft, ihre idyllische Kargheit, verschneiten Berge, überwucherten Täler. Oder Mauern, Steine, Ruinen, bröckelnd, einstürzend. Rinnsale, Feuchtigkeit, reißende Flüsse, Wasser, das gierig am Gestein leckt, das Farben und Mörtel wegschwemmt oder Bäume, Möbel, Kadaver. Immer auch Mord, Tod, Gekreuzigte, Leichen, die Massaker, sehr spärlich und extrem stilisiert, nie mit der üblichen obszönen Direktheit gezeigt, nur vage evoziert wie ein böser Traum. Die wenigen Dialoge, eher Rezitationen, werden in sprödem Singsang wie in den Filmen von Straub/Huillet aufgesagt; kein Quantum Psycho­logie, nicht ein Augenblick Realismus dürfen ablenken vom kontemplativen Tenor dieser spirituellen Unternehmungen.

Man klinkt sich in ihre geheimnisvollen Botschaften ein, oder man bleibt draußen, ein Mittelweg scheint nicht möglich. Askarjan versucht nichts weniger als die magische Beschwörung einer vernich­teten Kultur und eines über Jahrhunderte mit bestialischen Methoden ausgerotteten Volkes. Seine Filme trauern, mahnen, huldigen. Sie kristallieren zu lyrischen, surrealen, archaischen Bildern, oft schwer zu deuten, oft von eigenartiger Schönheit und manchmal, nach westlichen Kriterien, kitschig. Komitas oder eine düstere Kassandra zünden Betten an, als seien es Altäre. Ein Bauer in den Bergen, in einer langen Episode in »Avetik«, findet tote Schafe im gefrorenen Fluß und sieht die Umrisse eines Alten, der wie Komitas aussieht, unter dem Eis. Ein Junges Paar in paradiesischem Frieden, ein Granatapfel, ein Krug, Musikinstrumente, alte Bücher, sakrale Gerätschaften werden zum ästhetischen Ereignis. Eine Bäuerin gibt einem hungrigen Lamm die Brust. Avetik liegt mitten auf der scheußlichen Vorstadtstraße, horcht am Asphalt, und die Autos Jagen an ihm vorbei. Panzer, Flammenwerter und Männer in Schutzanzügen und Gasmasken in den zerstörten Orten der Sowjetrepublik Armenien, eine Science-Fiction-Szenerie.

Die Kamera gleitet über Gegenstände, durch üppige oder spärliche Natur, vorbei an starren Kon­figurationen, fast immer frontal; Einstellungen wie alte Gemälde, schönheitstrunken. Aber ein formvollendeter nackter Busen, Honig, der darauf tropft, ein Falter, der nicht davon loskommt, Liebespaare in exaltierten Posen auf Flößen, auf einer Bergspitze oder Filmstreifen (mit Motiven von Antonioni und Kurosawa), mit denen der junge Avelik spielte, die plötzlich brennen, sowas ist des Guten etwas viel. Einige der Bilder vom Verfall, von Staub, Steinen, schwelenden Flammen, rinnendem Wasser er­scheinen zu selbstverliebt, zu bedeutungsvoll. (Charakteristischer Einwand von Askarjan zu der Kri­tik: »>bedeutungslos< wäre mir lieber.«) Hier hat deutlich der späte Tarkowski Pate gestanden, wie in anderen Passagen möglicherweise der Armenier aus Georgien Paradshanov und der Türke Güney. Aber man fragt sich das erst hinterher, die Irritationen bleiben kürz, die Faszination überwiegt; Askarjans tragische Weitsicht und seine visuellen Eskapaden legen sich über unsere Phantasie wie das alte Muster eines Schleiers über das Gesicht und den Körper der deutschen Journalistin in »Avetik“. Am Ende liegt sie nackt, wie hergerichtet, am Boden, ein Mord, ein rituelles Opfer, eine ekstatische An­verwandlung, wer weiß.

Mit Tarkowski teilt der Regisseur Askarjan die Vorstellung vom Künstler als Seher, Sänger, Künder, Prophet, der seine Jünger erwecken, erleuchten, berühren, ihnen einen Weg weisen muß - auch wenn er es nicht so deutlich sagt. Intuition, geistige Energie, Ethos, Katharsis, moralische Substanz, in solchen Begriffen redet Askarian von der Kunst, vom Film. Jede Kunst sei metaphorisch, sie entziehe sich dem sprachlichen Nachvollzug und dem »Teufelskreis der Rationalität«, auch wenn eine richtige Metapher nicht weniger präzise sei als die Kernphysik. »Man solite Filme in den Kirchen zeigen«, schrieb ein Exilarmenier in sein Tagebuch, das Askarjan zugespielt wurde und das ihn, sagt er, zu "Avetik" inspi­rierte. Diese Fiktion bleibt (gewollt?) durchsichtig; natürlich sind die verbitterten, barschen, aber klugen zivilisationskririschen Texte, im Presseheft abgedruckt, von Askarjan selbst. Daß darin wenig Schmeichelhaftes über die Deutschen, über den westlichen Film- und Kulturbetrieb steht, sollte niemanden verwundern.

Das hat nicht nur mit den Erfahrungen eines Fremden in Deutschland zu tun, sondern mit deut­scher Mitwirkung und europäischer Ignoranz bei der armenischen Leidensgeschichte. Das Schicksal dieses indogermanischen Volkes ist von unvorstellbaren barbarischen Grausamkeiten bestimmt; durch Jahrhunderte waren sie nur Manövriermasse der Politik anderer, der Gier, der Kriege und der Mordlust ihrer Nachbarn. Ihre Geschichte beginnt Jahrhunderte v. Chr., ihr Reich zwischen Schwarzem, Kaspischem und Mittelmeer war die beherrschende Großmacht der Region. Heute ist ihr Territorium zwi­schen Türkei, Iran und der Ex-Sowjetunion zerstückelt. Noch im osmanischen Reich, wo sie, eine früh­christliche Gemeinde, neben Kurden, Griechen, Serben, Bulgaren, Juden und Tataren lebten, profitier­ten sie von relativer religiöser Toleranz, waren kulturell autonom. Sie entwickelten ihre eigene Schrift, Literatur, Kunst und eine reiche, bis ins 4. Jahrhundert zurückreichende liturgische und Volksmusik-Tradition, und ihre Kirche wurde zum bestimmenden Faktor ihrer nationalen Identität.

In der Folgezeit wurden sie fast nur verfolgt, verdrängt, dezimiert, am schrecklichsten durch die Jungtürken 1894-96 und im Ersten Weltkrieg, wo ein Teil ihres Volkes zu dem deutschen Verbündeten Türkei, der andere zu Rußland gehörte und die Großmächte sie in den Brudermord trieben. Die Greueltaten, mit denen die Türken ab April 1915 etwa 1,5 Millionen Armenier ermordeten, wurden von der Presse im Deutschen Reich bagatellisiert. Berichte eines Augenzeugen, des Schriftstellers Armin T. Wegner, wurden unterdrückt, so wie 1933 Franz Werfels Buch über den Völkermord, »Die 40 Tage des Musa Dagh«, sofort bei seinem Erscheinen verboten wurde. »Wer spricht heute noch«, sagte Hitler im kleinen Kreis beim Überfall auf Polen l 939, »von der Vernichtung der Armenier?«

Er irrte. Die Armenier selbst, über die Welt verstreut, halten die Erinnerung an ihre Heimat und ihre Vergangenheit wach. Armenische Klöster in Venedig und Wien erhalten die Sprache, Literatur, Kultur und Musik. Berühmte Armenier vom sowjetischen Staatschef Mikojan bis zum Ölmilliardär Gulbenkian, von William Saroyan über Chier und Aznavour bis zur Sängerin Cathy Berberian haben nie ihre armenische Herkunft geleugnet. Und Künstler wie Don Askarjan widmen dem Kampf um ihr Volk, seine Kultur, seine Anerkennung ihr Lebenswerk. Fast scheint es, als verschmelzen Komitas und Avetik und Askarjan zu einer Person. Aus seinen Texten, aus den zwei Filmen und aus den zwei Figuren spricht Verwandtes: Einsamkeit, Stolz, Unerbittlichkeit.

»Warum ist uns aus dem Land mit der wunderbaren Kultur nur dieser Haufen von geschändeten Steinen geblieben ... Die Türken und Russen haben aus meiner Heimat eine Müllkippe gemacht.« Askarjan wurde 1949 in Berg Karabach geboren, studierte Kunst, und Geschichte in Moskau, war kurze Zeit Filmkritiker, saß wegen regimekritischer Äußerungen im Knast, lebt seit 1979 in Berlin. Er drehte zwei einstündige Fernsehrilme nach Tschechows »Der Bär« und über die neue Verfolgung und Vernsich­tung der Armenier. 1985-88 Arbeit an "Komitas«, 1990-92 »Avetik«. Beide Filme haben eine Karriere in der internationalen Feslivalszene gemacht, bevor sie Jetzt in deutschen Kinos anlaufen. Radikal, unangepaßt, machen sie es dem Zuschauer nicht leicht. Auch im aktuellen Filmgeschehen bleibt der kompromißlose Don Askarjan ein Außenseiter, der um Wahrnehmung und Anerkennung kämpfen muß. Ein Fremder. Er weiß es. •••