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| Kritiken - Deutsch | |
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Film&Fernsehen 5/93 Wolf Donner uber die Fllme "Avetik" und "Komitas"
Manchmal
funktioniert das noch im Kino. Man betritt eine ferne, fremde Welt, man läßt
sich bestricken von wunderlichen Bildern, Figuren, Vorgängen. Man muß
Geduld mitbringen, Neugier, sogar Vorkenntnisse. Man begegnet versunkenen
Kulturen, vergessener Historie, Unbekanntem, Exotischem. Die Weltsprache
Film, die jetzt nach hundert Jahren im beherrschenden dümmlichen Kommerz
zu verkommen droht, die in ihren besten Zeiten ein globaler Dialog war,
eine Verzauberung durch den Austausch von Identitäten, Nationalitäten,
künstlerischen Traditionen, manchmal erinnert sie uns noch an diese alten
Qualitäten. Der Betrieb, die Szene, das Tagesgeschehen gehen schnell darüber
weg, aber in den Nischen, in den marginalen Zonen überdauern solche
Filme. Sie kommen aus Indien, Afrika, Asien, gelegentlich gehören sie zum
»mainstream« wie Campions »Piano«, ganz selten entstehen sie sogar
hier, wie die beiden Filme von Don Askarjan. »Komitas«.
Die Geschichte eines berühmten Armeniers, Geboren 1869, Priester, Sänger,
Komponist, Musikforscher, Philosoph. Er studierte in Titlis und Berlin,
arbeitete ab 1910 in Istambul. Nach dem türkischen Genozid an den
Armeniern 1915 schrieb er kein Wort, keine Note mehr. Zwanzig Jahre lang dämmerte
er in europäischen Nervenkliniken vor sich hin. Askarjans Filmfigur, der
alte, fast ganz verstummte, fast ganz vergessene Geistliche und Künstler,
erinnert sich an Lebensstationen, an die Kultur, die Landschaft, die Tragödie
seines Volkes. Es sei »ein Dokumentarfilm über die Seele, den Geist des
Komitas«, sagt Askarjan- »Ich bin nicht der Autor des Films: Die Autoren
sind zwei Millionen Menschen, die getötet wurden, zwei Millionen
Armenier. Ich war nur der Diener, durch den diese zwei Millionen Toten
sich selbst ausdrückten.« »Avetik«.
Ein armenischer Emigrant, ein Dokumentarfilmer, in einer tristen deutschen
Stadt. Er verfolgt das aktuelle Geschehen in Berg Karabach und
Aserbaidshan, arbeitet an einem Dokumentarfilm über Verfall, Flucht,
Vernichtung und Tod in Armenien. Auch er hat Träume, Visionen, Erinnerungen:
Kindheit, Pubertät, Literatur, Musik, Film, Mythus, Religion, Trauer,
Tod. Die Realität um ihn wird absurd, Tagträume werden real. Aus dem
Fenster beobachtet Avetik einen Mord unter Pennern, während ihm eine
Journalistin eine schreckliche, präzise, erbarmungslose Passage über die
Deutschen aus Nabokovs »Speak Memory« vorliest. Der alte König
Artasches reitet in sein ärmliches, von S-Bahn und Verkehr umtostes
Zimmer, diskutiert mit ihm über die armenische Vergangenheit, raucht
eine. Aporien, Phantasmagorien: religiöse Kulthandlungen, erotische
Dichtungen aus dem armenischen Mittelalter, Legenden, die Massaker,
bukolische Genreszenen. Die
zwei Filme gehören zusammen, sind Varianten eines Grundthemas. Armenier
in der Diaspora, in der inneren Emigration. Sie igeln sich ein, träumen
sieh weg aus einer negierten Gegenwart und Umgebung in die traumatischen
Bilder, in die Assoziationen und Epiphanien der Vergangenheit. Die erbärmliche
deutsche Unterkunft des Avetik könnte das Zimmer des Komitas in der französischen
Klinik sein. Sie beide sind Gezeichnete, leidende, starr und abweisend
und verschlossen, sie verweigern sich ihren Mitmenschen. Sie sind so
besetzt von den furchtbaren Erinnerungen, daß sie nicht mehr
kommunizieren, kaum noch reden können. »Komitas" das Porträt eines
zerrütteten und doch ganz klaren Geistes, durchtränkt von Kultur,
Musik, Religion und historischen Reminiszenzen, ein unendlich
melancholischer, aber sorgfältig illustrierter, genau protokollierter
Bewußtseinsstrom. »Avetik« der quälende Wachtraum von einem, der immer
auf der Flucht und in der Fremde war, ein zur Untätigkeit verdammter
Rebell, hilflos, zutiefst verstört, erstickt in seinem ohnmächtigen
Zorn. Zwei Käuze, zwei Unbehauste, zwei Opfer. Der
prägende Eindruck beider Filme ist ihre feierliche Ruhe, der hohe Ton des
Erhabenen. Lange, langsame Kamerafahrten, entlang an Flußufern und
Mauern, durch Berge, Bäume, Ruinen und allegorische Arrangements,
Figuren begleitend mit dokumentarischer Distanz. Der getragene optische
Duktus setzt siech fort in langen dummen Sequenzen, konsequent ohne Musik,
in Gängen und Bewegungen der Figuren, die in die Zeitlupe zu entgleiten
oder zu erstarren scheinen. Fast nichts passiert, nichts stört den
insistierenden Blick der Kamera, die sich in Landschaften, Interieurs,
Details versenkt, nichts stört die meditative Konzentration. Poetische
Gespinste, brüchige Stilleben, ganz künstliche Kompositionen. Figuren
in der Natur, in Bäumen, in engen Zimmern und verfallenden Gebäuden, in
Dekorationen; das Gemachte, Inszenierte wird nicht überspielt, sondern
betont. Die
Grundelemente wiederholen sich. Christliche Mythologie und Ikonografie, Lämmer,
Tauben, Kreuze, Kerzen, Opfergaben, rituelle Akte, alte geistliche Gesänge.
Hommagen an die armenische Landschaft, ihre idyllische Kargheit,
verschneiten Berge, überwucherten Täler. Oder Mauern, Steine, Ruinen, bröckelnd,
einstürzend. Rinnsale, Feuchtigkeit, reißende Flüsse, Wasser, das
gierig am Gestein leckt, das Farben und Mörtel wegschwemmt oder Bäume, Möbel,
Kadaver. Immer auch Mord, Tod, Gekreuzigte, Leichen, die Massaker, sehr spärlich
und extrem stilisiert, nie mit der üblichen obszönen Direktheit gezeigt,
nur vage evoziert wie ein böser Traum. Die wenigen Dialoge, eher
Rezitationen, werden in sprödem Singsang wie in den Filmen von
Straub/Huillet aufgesagt; kein Quantum Psychologie, nicht ein Augenblick
Realismus dürfen ablenken vom kontemplativen Tenor dieser spirituellen
Unternehmungen. Man
klinkt sich in ihre geheimnisvollen Botschaften ein, oder man bleibt draußen,
ein Mittelweg scheint nicht möglich. Askarjan versucht nichts weniger als
die magische Beschwörung einer vernichteten Kultur und eines über
Jahrhunderte mit bestialischen Methoden ausgerotteten Volkes. Seine Filme
trauern, mahnen, huldigen. Sie kristallieren zu lyrischen, surrealen,
archaischen Bildern, oft schwer zu deuten, oft von eigenartiger Schönheit
und manchmal, nach westlichen Kriterien, kitschig. Komitas oder eine düstere
Kassandra zünden Betten an, als seien es Altäre. Ein Bauer in den
Bergen, in einer langen Episode in »Avetik«, findet tote Schafe im
gefrorenen Fluß und sieht die Umrisse eines Alten, der wie Komitas
aussieht, unter dem Eis. Ein Junges Paar in paradiesischem Frieden, ein
Granatapfel, ein Krug, Musikinstrumente, alte Bücher, sakrale Gerätschaften
werden zum ästhetischen Ereignis. Eine Bäuerin gibt einem hungrigen Lamm
die Brust. Avetik liegt mitten auf der scheußlichen Vorstadtstraße,
horcht am Asphalt, und die Autos Jagen an ihm vorbei. Panzer,
Flammenwerter und Männer in Schutzanzügen und Gasmasken in den zerstörten
Orten der Sowjetrepublik Armenien, eine Science-Fiction-Szenerie. Die
Kamera gleitet über Gegenstände, durch üppige oder spärliche Natur,
vorbei an starren Konfigurationen, fast immer frontal; Einstellungen wie
alte Gemälde, schönheitstrunken. Aber ein formvollendeter nackter Busen,
Honig, der darauf tropft, ein Falter, der nicht davon loskommt,
Liebespaare in exaltierten Posen auf Flößen, auf einer Bergspitze oder
Filmstreifen (mit Motiven von Antonioni und Kurosawa), mit denen der junge
Avelik spielte, die plötzlich brennen, sowas ist des Guten etwas viel.
Einige der Bilder vom Verfall, von Staub, Steinen, schwelenden Flammen,
rinnendem Wasser erscheinen zu selbstverliebt, zu bedeutungsvoll.
(Charakteristischer Einwand von Askarjan zu der Kritik: »>bedeutungslos<
wäre mir lieber.«) Hier hat deutlich der späte Tarkowski Pate
gestanden, wie in anderen Passagen möglicherweise der Armenier aus
Georgien Paradshanov und der Türke Güney. Aber man fragt sich das erst
hinterher, die Irritationen bleiben kürz, die Faszination überwiegt;
Askarjans tragische Weitsicht und seine visuellen Eskapaden legen sich über
unsere Phantasie wie das alte Muster eines Schleiers über das Gesicht und
den Körper der deutschen Journalistin in »Avetik“. Am Ende liegt sie
nackt, wie hergerichtet, am Boden, ein Mord, ein rituelles Opfer, eine
ekstatische Anverwandlung, wer weiß. Mit
Tarkowski teilt der Regisseur Askarjan die Vorstellung vom Künstler als
Seher, Sänger, Künder, Prophet, der seine Jünger erwecken, erleuchten,
berühren, ihnen einen Weg weisen muß - auch wenn er es nicht so deutlich
sagt. Intuition, geistige Energie, Ethos, Katharsis, moralische Substanz,
in solchen Begriffen redet Askarian von der Kunst, vom Film. Jede Kunst
sei metaphorisch, sie entziehe sich dem sprachlichen Nachvollzug und dem
»Teufelskreis der Rationalität«, auch wenn eine richtige Metapher nicht
weniger präzise sei als die Kernphysik. »Man solite Filme in den Kirchen
zeigen«, schrieb ein Exilarmenier in sein Tagebuch, das Askarjan
zugespielt wurde und das ihn, sagt er, zu "Avetik" inspirierte.
Diese Fiktion bleibt (gewollt?) durchsichtig; natürlich sind die
verbitterten, barschen, aber klugen zivilisationskririschen Texte, im
Presseheft abgedruckt, von Askarjan selbst. Daß darin wenig
Schmeichelhaftes über die Deutschen, über den westlichen Film- und
Kulturbetrieb steht, sollte niemanden verwundern. Das hat nicht nur mit den Erfahrungen eines Fremden in Deutschland zu tun, sondern mit deutscher Mitwirkung und europäischer Ignoranz bei der armenischen Leidensgeschichte. Das Schicksal dieses indogermanischen Volkes ist von unvorstellbaren barbarischen Grausamkeiten bestimmt; durch Jahrhunderte waren sie nur Manövriermasse der Politik anderer, der Gier, der Kriege und der Mordlust ihrer Nachbarn. Ihre Geschichte beginnt Jahrhunderte v. Chr., ihr Reich zwischen Schwarzem, Kaspischem und Mittelmeer war die beherrschende Großmacht der Region. Heute ist ihr Territorium zwischen Türkei, Iran und der Ex-Sowjetunion zerstückelt. Noch im osmanischen Reich, wo sie, eine frühchristliche Gemeinde, neben Kurden, Griechen, Serben, Bulgaren, Juden und Tataren lebten, profitierten sie von relativer religiöser Toleranz, waren kulturell autonom. Sie entwickelten ihre eigene Schrift, Literatur, Kunst und eine reiche, bis ins 4. Jahrhundert zurückreichende liturgische und Volksmusik-Tradition, und ihre Kirche wurde zum bestimmenden Faktor ihrer nationalen Identität. In
der Folgezeit wurden sie fast nur verfolgt, verdrängt, dezimiert, am
schrecklichsten durch die Jungtürken 1894-96 und im Ersten Weltkrieg, wo
ein Teil ihres Volkes zu dem deutschen Verbündeten Türkei, der andere zu
Rußland gehörte und die Großmächte sie in den Brudermord trieben. Die
Greueltaten, mit denen die Türken ab April 1915 etwa 1,5 Millionen
Armenier ermordeten, wurden von der Presse im Deutschen Reich
bagatellisiert. Berichte eines Augenzeugen, des Schriftstellers Armin T.
Wegner, wurden unterdrückt, so wie 1933 Franz Werfels Buch über den Völkermord,
»Die 40 Tage des Musa Dagh«, sofort bei seinem Erscheinen verboten
wurde. »Wer spricht heute noch«, sagte Hitler im kleinen Kreis beim Überfall
auf Polen l 939, »von der Vernichtung der Armenier?« Er
irrte. Die Armenier selbst, über die Welt verstreut, halten die
Erinnerung an ihre Heimat und ihre Vergangenheit wach. Armenische Klöster
in Venedig und Wien erhalten die Sprache, Literatur, Kultur und Musik. Berühmte
Armenier vom sowjetischen Staatschef Mikojan bis zum Ölmilliardär
Gulbenkian, von William Saroyan über Chier und Aznavour bis zur Sängerin
Cathy Berberian haben nie ihre armenische Herkunft geleugnet. Und Künstler
wie Don Askarjan widmen dem Kampf um ihr Volk, seine Kultur, seine
Anerkennung ihr Lebenswerk. Fast scheint es, als verschmelzen Komitas und
Avetik und Askarjan zu einer Person. Aus seinen Texten, aus den zwei
Filmen und aus den zwei Figuren spricht Verwandtes: Einsamkeit, Stolz,
Unerbittlichkeit. »Warum ist uns aus dem Land mit der wunderbaren Kultur nur dieser Haufen von geschändeten Steinen geblieben ... Die Türken und Russen haben aus meiner Heimat eine Müllkippe gemacht.« Askarjan wurde 1949 in Berg Karabach geboren, studierte Kunst, und Geschichte in Moskau, war kurze Zeit Filmkritiker, saß wegen regimekritischer Äußerungen im Knast, lebt seit 1979 in Berlin. Er drehte zwei einstündige Fernsehrilme nach Tschechows »Der Bär« und über die neue Verfolgung und Vernsichtung der Armenier. 1985-88 Arbeit an "Komitas«, 1990-92 »Avetik«. Beide Filme haben eine Karriere in der internationalen Feslivalszene gemacht, bevor sie Jetzt in deutschen Kinos anlaufen. Radikal, unangepaßt, machen sie es dem Zuschauer nicht leicht. Auch im aktuellen Filmgeschehen bleibt der kompromißlose Don Askarjan ein Außenseiter, der um Wahrnehmung und Anerkennung kämpfen muß. Ein Fremder. Er weiß es. ••• |