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FILM UND FERNSEHEN 5/93

DAS GEFAHRLICHE LICHT Seryei Paradshanov und sein Film "Die Farbe des Granatapfels" von Don Askar
ian
Wenn man uns fragen wird, was wir tun, werden wir antworten: erinnern! Denn wir sind das Gedächtnis der Menschheit. Deswegen werden wir letzten Endes siegen und mit unseren Erinnerungen an die Geschichte der Erde auch das tiefste Grab offnen. R. Bradbury

Das Gedächtnis  »Die Farbe des Granatapfels« ist der erste armenische Film, der ein internationales Anse­hen erlangt hat. Mit dem ihm eigenen leichten Gang, Talent und der Lichtdichte deckt er die Ver­schwörung des Schweigens, die die Welt gegen das armenische Volk, gegen die rauchenden Ruinen dieses uralten Landes seit Jahrhunderten hält, auf.

Die Toten sterben tatsächlich nur in der Vergessenheit. Millionen von den Türken ermordete Armenier, deren Mund sich mit Erde füllt, schweigen. Jenseitige Ruhe. Von Zeit zu Zeit wälzen sich die Ermordeten auf ihrer unsichtbaren Lagerstätte, und dann entstehen jene Erdbeben in der Türkei, von denen Fachleute behaupten, es seien Veränderungen in der Erdkruste. Heute nehmen sich viele Armenier das Recht, von »ihrem von Gott ausgewähltem Volk« zu sprechen. Der Berg Ararat, wo nach der Landung der Arche eigentlich die Neugeburt der Menschheit stattfand, ist der heilige armenische Altar. Die Menschheit, die sich verbissen weiter zur apokalyptischen Katastrophe hinbewegt, will nichts von ihrer ursprünglichen Bestimmung wissen, sie vernichtet das eigene Gedächtnis, ihre letzten Wurzeln...

Ich empfinde in dem Film »Die Farbe des Granatapfels« den sehr seltsamen, beinahe surrealisti­schen Humor eines Menschen, der auf dem Galgen der Weltgeschichte geschaukelt wird, das freche und schiefe Lächeln eines Gehängten. »Die Farbe des Granatapfels« ist aus dem Gedächtnis des ar­menischen Volkes entsprungen.

Die Zeit Das armenische Volk lebt »dennoch nicht nach der Bahnhofsuhr und nicht nach der Bürouhr, sondern nach der Sonnenuhr..., die ich auf den Ruinen von Swartnoz gesehen habe, in der Ge­stalt eines astronomischen Rades oder einer in den Stein eingeschriebenen Rose« (Ossip Mandelstam, Deutsch von Ralph Dutli).

Alle mehr oder weniger bedeutenden Regisseure der Filmgeschichte haben sich intensiv mit dem Problem der Zeit auseinandergesetzt. Der Film gibt den Menschen die Möglichkeit, die Zeit in ihrem ununterbrochenen Fluß darzustellen. Der Film ist ohne die Kategorie der Zeit undenkbar. Diese Kate­gorie der Zeit ist von der Sprache und der Natur der Filmkunst nicht zu trennen. Sie ist im Film viel stärker und anschaulicher vertreten als in der Sprache und der Natur der alten klassischen Kunstfor­men. Die Zeit einer Filmeinstellung ist mit der irdischen Zeit identisch.

Erinnern wir uns an den »verrückten« Traumwunsch Rosselinis, mit einer einzigen Einstellung einen ganzen abendfüllenden Film zu drehen. In den letzten zwei Filmen von Tarkowski, der sich sehr bewußt mit dem Problem der Zeit beschäftigt und mit krankhafter Heftigkeit ihren Fluß wahrnimmt, fließt die Zeit wie schwerer Honig. Der russische Regisseur sagt, daß er in seinen Filmen versucht, die Zeit festzuhalten.

Der Armenier Paradshanow, der im Unterschied zu Tarkowski kein Filmtheoretiker ist, strebt in seinem Film »Die Farbe des Granatapfels« danach, die Zeit anzuhalten. Die Zeit in »Die Farbe des Gra­natapfels« hat nicht nur keinen Uhrzeiger und kein Zifferblatt, sondern auch keinen Kalender. Bis zum heutigen Tag ist die Kategorie der Ewigkeit in keinem Streifen der Filmgeschichte spürbarer und aus­drucksvoller festgehalten als in »Die Farbe des Granatapfels«.

Wir empfinden die Zeit in diesem Film als etwas Uferloses, ohne Anfang und ohne Ende. Wenn sich die Zeit im Film immerhin manchmal in Bewegung setzt, so ist dies doch kein Fließen, eher ein Sprung von einer auf ewig erstarrten Zeitspanne zu einer anderen, obgleich das Zelluloid des Paradshanowfilms mit gleichmäßiger Geschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde durch den Projektor läuft. In der Episode mit dem Pferd, das wie im Zirkus hüpft, wird unsere Ur-Vorstellung über die Zeit verspottet, sie wird komisch. Dieses Empfinden der im Film geprägten Zeit klingt an die Eindrücke des russischen Dichters Ossip Mandelstam an, die er in Armenien gewann. Er nannte Armenien »die Erde der ersten Menschen.«:

»Und nie mehr werde ich in der Bibliothek der Töpferautoren aufschlagen das Hohlbuch der Herrlichen Erde, aus dem lernten die ersten Menschen.«(Ossip Mandelstam, Deutsch von Rainer Kirsch). Jemand, der je Armenien erlebt hat, kennt dieses alltägliche Empfinden der in Unendlichkeit ziehenden Jahrtausende, der Ewigkeit, die leicht »auslesbar« ist in Farbe, Licht und Stein dieses Landes, in seiner Architektur der »achteckigen Schultern stiernackiger Bauernkirchen«, in »auf Kapitellen Bal­len steinernen Tuchs, wie aus geplünderten Heidenläden Ware«, in seinem gesträubten »Adler mit Eu­lenflügeln, noch nicht von Byzanz geschändet«. Armenien ist ein mit »heiserem Ocker getünchtes« Land, ist »ein Staat der brüllenden Steine.« Die Regisseure, die die Zeit sehr schmerzhaft wahrnehmen, mit ihr und gegen sie spannend arbeiten, verzichten je nach Möglichkeit auf die Montage-Manipulation mit Zeit, Raum und den Schauspielern.

Wenn ein normales, neutrales Gesicht auf Film aufgenommen und in einen anekdotischen Kontext eingeschnitten wird, blüht es plötzlich zu einem idiotischen Lächeln auf. Und umgekehrt. Unter dem Einfluß einer Schreck einjagenden, extra für den Film in fortissimo geschriebenen Musik scheint dem erschrockenen, betäubten Zuschauer, daß das Gesicht die Zähne fletscht. Wir haben bemerkt, daß der ähnlich trickreiche Umgang mit dem Zuschauer in sich etwas Zynisches hat, das der wahren Natur des Films und den geistigen Zielen der Kunst nicht entspricht.

In der UdSSR, wo der Staat nie verheimlichte, daß der Film für ihn »das wichtigste Propaganda­mittel« sei, wurde dieses Ausnutzen der Montage-Tricks im Auftrag der Machthabenden durchgeführt. (Vielleicht auch unbewußt.) Die Übertreibung der Montage, die das echte Leben nie zu Wort kommen läßt, wird besonders gerne von Regiseuren des Propaganda-Films verwendet. Es ist überflüssig, darü­ber zu sprechen, daß die Propaganda-Filme in totalitären Staaten massenhaft produziert werden. Im Westen sind es die Leute, die den Film nur als Mittel zum Geldmachen sehen (wie zum Beispiel die Pro­duzenten der unendlichen amerikanischen Fernsehserien) oder jene, die keine Ahnung von der Natur des Films haben.

Bezüglich der Montage sind »Die Farbe...« (und auch die Filme von Tarkowski) unwahrschein­lich schüchtern. Die Rolle der Montage in ihrem klassischen Sinn ist in ihren Filmen auf ein Minimum beschränkt. Sie ist - eine erzwungene Notwendigkeit! - ein physischer Prozeß des Zusammenklebens von Zelluloid geworden.

Das Licht Die Qualität des Lichtes in »Die Farbe des Granatapfels« ist nur zu vergleichen mit dem Licht auf dem Sewansee, dem einzigen Hochgebirgssee auf dem heutigen Fetzen Armeniens. Der Autor des bewunderswerten Buches »Armenische Lektionen«, der russische Schriftsteller Andrej Bitow, schreibt:

»Von dort oben sah alles anders aus. Die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Das war ein rauher, gefährlicher, spannungsgeladener Ort, der wie eine straff gespannte Saite tönte, ein Ort dieser Erde, der dem Licht wie dem Wind gehörte und dem Wind wie dem Licht, der einen Pilger noch empfangen könnte, um den Staub der Wege von ihm abzublasen, doch den müßigen Ankömmling wür­de es genau wie den Staub verwehen, und es bliebe die einmalige, unwirtliche Stätte, die sie vor tausend Jahren, die sie seit je war. Ein blendendes Gleißen rief Empfindungen wie bei Zahnschmerzen hervor. Das Licht war in Armenien gewiß der optische Grundeindruck, mein physisches Haupterlebnis. Einfach zu sagen, daß es zu grell, daß seine Einwirkung zu intensiv sei, hieße, nichts zu sagen. Es ist Licht von besonderer Art, wie ich es vorher nirgendwo angetroffen hatte, nirgends hatte ich solche Lichterlebnisse wie in Armenien. Erstmalig empfand ich es hier als tastbar wie Wasser, Wind oder Gras. Vor ihm gab es kein Entrinnen, gnadenlos war man ihm ausgeliefert. Mehr noch, ich wollte mich ihm gar nicht entziehen, obwohl es mir ziemliche Qualen bereitete, nein, ich sehnte mir diese unbe­greifliche süße Pein herbei, wünschte mir, daß während der zwei Wochen, vom ersten bis zum letzten Tag, alles Licht, jeder einzelne Strahl in mich eindringen sollte. Und wenn Armenien der hellste Land­strich ist, den ich in meinem bisherigen Leben kennengelernt habe, so ist der Sewan der lichtreichste Ort Armeniens ... Eine Gefahr lauerte im See, in seinem Wasser, in der Luft, im Licht. Besonders für mich.« (Volk und Welt, 1975, Übersetzung von Günter Löffler)

Diese Beschreibung ist wohl genug zur Charakteristik des Lichtes in »Die Farbe des Granatapfels«. Paradshanow hat es nicht erfunden. Er hat es nur belauert und gefilmt. •••