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| Kritiken - Deutsch | |
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Fall der Manner, Aufstieg der Propheten Komitas" von Don Askarjan, führt unmittelbar in den armenischen Kulturraum. Es ist einer der visuell eindringlichsten Filme des Festivals (außerhalb des Wettbewerbs gezeigt. Komitas nannte sich der für die armenische Kultur bedeutendste Geistliche
und Musikwissenschaftler, der zwischen 1869 und 1935 lebte und Zeuge
wurde, wie die türkische Regierung 1915 das armenische Volk systematisch
auszurotten begann (drei Viertel der Bevölkerung sollen den Tod gefunden
haben). Nach diesem Massaker verweigerte sich Komas der Musik und
verbrachte die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in Nervenheilanstalten. Das historische Vorwissen muß mitbringen, wer sich im
Film „Komitas" einigermaßen zurechtfinden will; wie Bewußtseinsströme
aus der Rückbesinnung des Komponisten auf das Erlebte treiben die Bilder
am Betrachter vorüber, Zeugnisse eines Untergangs, die nahezu wortlos in
einen schwer zugänglichen Sinnzusammenhang gestellt werden. Die
Intensität freilich bleibt unbeschreiblich, auch wenn nicht jedes Zeichen
zu entschlüsseln ist. Man müßte Bild für Bild nachzeichnen, wie Don
Askarjan Landschaften sich öffnen, Visionen entstehen läßt und wie er
aus den Bruchstücken von einst neues Leben fügt, um nachvollziehbar zu
machen, was diesen außerordentlichen, mit deutschen Fernseh-Geldern
entstandenen Film Askarjans von einem russischen Wettbewerbsbeitrag
(„Der schwarze Mönch",
Regie: Ivan Dichovitschny) unterscheidet: er umkreist ein bis in die
Wortwahl, bis in das Bildmotiv ähnliches Thema, als sei der eine Film das
Zitat des anderen, der indessen doch nur wie ein weihevoll zelebrierter
zweiter Aufguß wirkt. Auch dort also, ausgehend von einer Erzählung Tschechows,
ein Mensch auf der Grenze des Faßbaren, von Zwangsvorstellungen
gepeinigt und seiner Umgebung unheimlich. Aber wo Askarjans Zeugenschaft
aus eigener Kraft besteht, bleiben die Bilder Dichovitschnys nur
tarkowski-trunkene Untermalung einer kalkuliert ins Rätselhafte gehobenen
Geschichte, Kunstgewerbe statt eigenständiger Kunst und wabernd vor
messianischer Bedeutung. Die Propheten haben das Wort im Kino der
ausgehenden achtziger Jahre-doch die meisten sind nur Scharlatane. HANS-DIETER
SEIDEL Frankfurter
Allgemeine Zeitung Mittwoch,
7. September 1988, Nr. 208/Seite 27 |