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| Kritiken - Deutsch | |
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EPD-Film 1-94
Der
Film liebt den Erfolg und nicht die Wahrheit: das wird für den
Mainstream des heutigen Kinos gelten. Das
Exotische wird in spannender Handlung vertraut gemacht,
damit es Menschen packen, erfreuen und ängstigen kann. Die
Dinos wohnen um die Ecke. Don Askarian, den armenischen Regisseur aus
Berlin, packt jedesmal der Zorn, wenn man in der Begegnung mit ihm
darauf zu sprechen kommt. Eine Perversion des Kinos ist das, Schund und
Kitsch. Der Film und die Wahrheit sind Geschwister. Die Fragen nach der
Wahrheit der Bilder ist die entscheidende Problematik des Films. „Ich
will nicht lügen", sagt er, „darum muß das Fremde gerade
als Fremdes stehen bleiben, damit es umschrilten und
langsam, gerade auch emotional, gesehen und begriffen werden kann." Die
Einheit des Ästhetischen und des Ethischen. Don Askarian
ist unter den lebenden Filmemachern einer der rigorosesten Vertreter
dieser Einheit. Die Sehnsucht nach dem Ideal steht im Koniext
ethischer Verantwortung. Innen und Außen werden einander angenähert,
ja werden identisch. Das Bild wird zu einer moralischen Kategorie. Die
Wahrheit ist sittlich und ist schon. Deshalb sperrt sich das
Filmschaffen Don Askarians total gegen die mono-kausalen Beziehungen, die
die Grundlage jeder isolierten Ethik sind. komitas
beginnt mit einem Zitat von Ossip Mandelstam aus dem „Gesprach über
Dante": ,,Die kausalen Zusammenhänge ekeln ihn an. Derartige
Prophezeiungen taugen als Streu für die Schweine." Putz bröckelt
von der Wand, legt eine Höhle frei, in der Geräte stehen und aus der
eine Urkunde sich einrollt. Ein Baum fällt. Sicher hat das auch (manchmal)
seine vordergründigen Ursachen: der Regen unterspült den
Untergrund, wäscht die Wände ab. Aber die Sinngebung geht auf etwas
Neues, und die Widerstandigkeit von Erfahrung ist ein Stück
,.Offenbarung". Der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zerreißt
und bezieht den Betrachter ein. Es ist wie bei der Schöpfung:
auch da weiß ich den Veranlasser nicht, und Gott ist
die Chiffre des Unendlichen. Alles andere würde den Reichtum der Schöpfung
vernichten und die Freiheit und Würde des Menschen auf den
Konsumentenstatus reduzieren. — Übrigens erwartet Don Askarian von
den Tieren einen erhöhten Grad an cinematographischer Wahrheit:
von den Bienen, den Schafen, dem Tanzbär. Nicht ohne Grund kommt die
Szene, in der eine Frau ein kleines Lamm an ihrer Brust
säugt, in beiden Filmen, in komitas
und AVETIK vor. Die Wortlosigkeit der Schöpfung hat
ein metaphysisches Umfeld, das man — wie die Explosionen auf der Sonne
— eher ahnen als wissen kann. Entsprechend haßt Don Askarian die vordergründige Symbolik, wenngleich ihm in vielen Kritiken „Symbolismus" vorgewurfen wird. „Wenn ich eine Botschaft hätte, würde ich per Brief verschicken", sagt er. Ein Lamm ist ein Lamm und ist nicht ohne weiteres Symbol für das Leiden des armenischen Volkes. Insofern steht er der anerkennenden Feststellung, Don Askarian sei ein filmischer „Ikonenmaler" (Peter W. Jansen), etwas hilflos gegenüber. Sicher, da ist die platonische Urbild-Abbild-Dimension: auch die Filmbilder Don Askarians vermitteln eine meditative Konzentration, die über das Vordergründige hinausweist, drücken die Ehrfurcht vor der Unantastbarkeit des Lebens aus, die sich dem aggressiven Zugriff glatt entzieht. Aber darin hat der Filmemacher sicher recht: Der Film ist ein komplexerer Vorgang als eine Ikone mit ihrer theologisch zielgerichteten Funktionalität. Die Freiheit des Zuschauers ist eine nahezu unbegrenzte, und das macht die Anstrengung, aber auch die Bereicherung beim Sehen der Filme des armenischen Regisseurs aus. komitas,
der
erste der beiden Filme Don Askarians, die jetzt miteinander in die
deutschen Kinos kommen, ist die Geschichte des Mönches und Komponisten
Soghomon Soghomonian (genannt Komitas), der in der Erfahrung der
Vernichtung des armenischen Volkes durch die Türken im Jahr 1915 zusammenbricht
und die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in psychiatrischen Anstalten
(zum Teil freiwillig) verbringt, ohne noch eine Note zu schreiben.
Komitas, für die Armenier in der Bedeutung vergleichbar einem Johann
Sebastian Bach in Deutschland. Eine „cinematographische Archäologie"
ist der Film, Erinnerungsgepäck wird in das Bild geholt. Ob die Sequenzen
jeweils ein Realereignis sind oder als Vorstellungsbrocken durch die Träume
und Erinnerungen des kranken, müden, konsequenten Mannes ziehen, wer will
es wissen. Das subjektive Zeitgefühl dehnt die Ereignisse, zieht sie an
anderer Stelle auf einen Punkt zusammen. Die Vernichtungsbilder von 1915
sind in Schwarzweiß hervorgehoben. Andere Erinnerungsbilder sind von
farblicher Brillanz. Kein biographischer Ablauf wird erzählt, das
Episodenhafte und die Zeitstruktur der Erinnerung bestimmt den Rhythmus:
was bleibt wichtig in einem Leben? Dabei sind viele biographische Details
verarbeitet, von denen man mehr wissen müßte. Die inquisitorische Frage
des Katholikos (des armenischen „Papstes") ,,Kannst du
armenisch?" geht auf das Aufwachsen des Komitas im türkischen Umfeld
zurück. Er gewann die Zulassung zum Mönchtum nur durch das Singen eines
komplizierten armenischen Hymnus, die armenische Sprache lernte er dann
in wenigen Wochen. Von den exorzistischen Riten durch die Musik müßte
man wissen, bei denen der Kranke geheilt wird oder — durch Musik getötet
— umfällt. Aber gerade die Ahnungen münden in dem Wunsch, an der
Erfahrung dieses Volkes näher teilzunehmen. Die abgrundtiefe Trauer hält
noch im Untergang die Würde des Menschen und die Schönheit der Kultur
fest. Das Schlußbild gerinnt zur Initiale eines Buches: Ein Lamm in einem
Torbogen, ein Mädchen, ein Tänzer auf einem Seil, das immer höher in
den Himmel zu schweben scheint. Wird am Ende noch eine neue, eine
hoffnungsvollere Seite aufgeschlagen? Der
zweite Film, avetik, hat eine
ähnliche Struktur, ist aber aggressiver. Auch hier die Gedächtnisbilder im Exil, die Erinnerungen eines
armenischen Dokumentarfilmers, der in Berlin „eine Adresse hat".
Betörend sinnliche Bilder von der erwachenden Sexualität des
jungen Avetik sind das, aber auch die apokalyptischen Visionen und
Erfahrungen der Vernichtung. Die Welt ist aus den Fugen, die
Natur wie die Geschichte: in der Eiswüste fliegen die Eisenstücke
umher, und hinter den Flammenwerfern und Panzern erscheinen die Krieger
wie Menschen vom Mars. Natürlicher und geschichtlicher Untergang fließen
ineinander: es ist offenkundig die Meinung vieler Armenier, daß das große
Erdbeben von 1988, das der Dokumentarfilm zeigt, durch unterirdische
Atombombenversuche der Russen ausgelöst worden ist. Dabei erwächst aus
der natürlichen Überwucherung (die Bienen im Cello) noch ein neues
Leben; die kriegerische Zerstörung setzt nur noch Wüste aus sich
heraus frei. Dazwischen immer wieder die Gegenbilder einer anderen Welt,
etwa die kraftvollen cinematographischen Metaphern eines mittelalterlichen
armenischen Dichters, Nahapet Kutschak, in der Sicht von Avetik. Am Ende
wird eine alte Geschichte von 1915 erzählt: eine Tür, ein Grabstein und
eine mannshohe Buchseite wandern auf dem Rücken der Familie ins russische
Exil. Gerettet wie durchs Feuer. Die
Filme Don Askarians stellen, gerade durch ihre Einheit von Ethik und Ästhetik,
vor tiefgreifende Fragen. Heben sich hier Form und Inhalt nicht
gegenseitig auf, muß diese komplexe Weltsicht nicht reduziert werden
auf das Maß des Menschlichen, auch auf das Maß des veränderbaren
Lebens? Aber Don Askarian ist kein naiver mittelalterlicher Künstler; er
stellt seine metaphysischen Fragen am Ende eines Zeitalters der
Metaphysik. „Ihr habt uns nicht nur die Möglichkeit zu leben, sondern
auch die zu sterben genommen", hält Avetik dem König Artasches
vor, der zu ihm mit einem Pferd in das Berliner Zimmer reitet. „Hat
unser Christentum uns so willenlos, so ekelhaft weich gemacht?" Und doch macht gerade das Christentum den Reichtum und die Schönheit dieser Kultur und dieser Menschen aus. Das ist die Kierkegaardsche „Krankheit zum Tode": nicht leben und nicht sterben zu können. Und die doch die ethische Verbindlichkeit nicht leugnet, sondern gerade im Durchhalten der nationalen und persönlichen Aporien auf der Suche ist nach einem anderen Weg. Es wird seine Zeit brauchen, bis wir merken, daß wir
mit Don Askarian einen bedeutenden Filmemacher in unserer Mitte haben.
Seine Filme werden sich die Zeit nehmen, die sie brauchen. Am Ende werden
Filme dann doch ihren Erfolg nicht mit der Lüge und der Anpassung,
sondern mit der Wahrheit haben. Hans Werner Dannwski Die direkten und indirekten Zitate von Don Askarian stammen aus einem Filmseminar mit ihm über seine beiden Filme, das am 13. November 1993 im Kommunalen Kino in Hannover stattfand. |