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Kritiken - Deutsch

FAZ, 7.09.1988
ARD, 11.09.1988

DER TAGESSPIEGEL, 18.09.1988

SONNTAGSGRUSS, 7.1989

Gottinger Woche, 10.02.89

LA NUOVA, 11.19.1992
Variety, 21.12.1992

Pogrom Nr169, 02-03 1993

Film & Fernsehen, 5.93

FILM UND FERNSEHEN, 5.93

Filmwarts, 9.1993

Film-Dienst, 10.1993

BZ, 04.11.1993

BZ/66, 04.11.1993

Journal Frankfurt 5-18.11.1993

Berliner Morgenpost, 5.11.1993

Die Tageszeitung, 5.11.1993

FAZ, 12.11.1993

HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG, 13.11.1993

Berliner Zeitung, 18.11.1993

REINISCHE POST, 19.11.1993

Der Tagesspiegel, 23.11.1993

Neues Deutschland, 25.11.1993

EPD Film, 1.1994

ADK, 3.1994

Sueddeutsche Zeitung, 17.03.1994

AZ feuilleton, 17.03.1994

Bielefeldes Stadtblatt, 23.02.95

Cinema Nouveau
NDR
Internationaler Filmfestival Mannheim
Film Festival Rotterdam
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Don Askarian

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EPD-Film 1-94
Hans Werner Dannowski

AVETIK

 

Der Film liebt den Erfolg und nicht die Wahr­heit: das wird für den Mainstream des heuti­gen Kinos gelten. Das Exotische wird in spannender Handlung vertraut gemacht, damit es Menschen packen, erfreuen und ängstigen kann. Die Dinos wohnen um die Ecke. Don Askarian, den armenischen Regis­seur aus Berlin, packt jedesmal der Zorn, wenn man in der Begegnung mit ihm darauf zu sprechen kommt. Eine Perversion des Kinos ist das, Schund und Kitsch. Der Film

und die Wahrheit sind Geschwister. Die Fra­gen nach der Wahrheit der Bilder ist die entscheidende Problematik des Films. „Ich will nicht lügen", sagt er, „darum muß das Fremde gerade als Fremdes stehen bleiben, damit es umschrilten und langsam, gerade auch emotional, gesehen und begriffen wer­den kann."

Die Einheit des Ästhetischen und des Ethi­schen. Don Askarian ist unter den lebenden Filmemachern einer der rigorosesten Vertre­ter dieser Einheit. Die Sehnsucht nach dem Ideal steht im Koniext ethischer Verantwor­tung. Innen und Außen werden einander angenähert, ja werden identisch. Das Bild wird zu einer moralischen Kategorie. Die Wahrheit ist sittlich und ist schon. Deshalb sperrt sich das Filmschaffen Don Askarians total gegen die mono-kausalen Beziehungen, die die Grundlage jeder isolierten Ethik sind. komitas beginnt mit einem Zitat von Ossip Mandelstam aus dem „Gesprach über Dan­te": ,,Die kausalen Zusammenhänge ekeln ihn an. Derartige Prophezeiungen taugen als Streu für die Schweine." Putz bröckelt von der Wand, legt eine Höhle frei, in der Geräte stehen und aus der eine Urkunde sich einrollt. Ein Baum fällt. Sicher hat das auch (manch­mal) seine vordergründigen Ursachen: der Regen unterspült den Untergrund, wäscht die Wände ab. Aber die Sinngebung geht auf etwas Neues, und die Widerstandigkeit von Erfahrung ist ein Stück ,.Offenbarung". Der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zerreißt und bezieht den Betrachter ein. Es ist wie bei der Schöpfung: auch da weiß ich den Veran­lasser nicht, und Gott ist die Chiffre des Unendlichen. Alles andere würde den Reich­tum der Schöpfung vernichten und die Frei­heit und Würde des Menschen auf den Konsumentenstatus reduzieren. — Übrigens erwar­tet Don Askarian von den Tieren einen erhöh­ten Grad an cinematographischer Wahrheit: von den Bienen, den Schafen, dem Tanzbär. Nicht ohne Grund kommt die Szene, in der eine Frau ein kleines Lamm an ihrer Brust säugt, in beiden Filmen, in komitas und AVETIK vor. Die Wortlosigkeit der Schöpfung hat ein metaphysisches Umfeld, das man — wie die Explosionen auf der Sonne — eher ahnen als wissen kann.

Entsprechend haßt Don Askarian die vor­dergründige Symbolik, wenngleich ihm in vielen Kritiken „Symbolismus" vorgewurfen wird. „Wenn ich eine Botschaft hätte, würde ich per Brief verschicken", sagt er. Ein Lamm ist ein Lamm und ist nicht ohne weite­res Symbol für das Leiden des armenischen Volkes. Insofern steht er der anerkennenden Feststellung, Don Askarian sei ein filmischer „Ikonenmaler" (Peter W. Jansen), etwas hilf­los gegenüber. Sicher, da ist die platonische Urbild-Abbild-Dimension: auch die Filmbil­der Don Askarians vermitteln eine meditative Konzentration, die über das Vordergründige hinausweist, drücken die Ehrfurcht vor der Unantastbarkeit des Lebens aus, die sich dem aggressiven Zugriff glatt entzieht. Aber darin hat der Filmemacher sicher recht: Der Film ist ein komplexerer Vorgang als eine Ikone mit ihrer theologisch zielgerichteten Funktio­nalität. Die Freiheit des Zuschauers ist eine nahezu unbegrenzte, und das macht die An­strengung, aber auch die Bereicherung beim Sehen der Filme des armenischen Regisseurs aus.

komitas, der erste der beiden Filme Don Askarians, die jetzt miteinander in die deut­schen Kinos kommen, ist die Geschichte des Mönches und Komponisten Soghomon Soghomonian (genannt Komitas), der in der Erfahrung der Vernichtung des armenischen Volkes durch die Türken im Jahr 1915 zusam­menbricht und die letzten zwanzig Jahre sei­nes Lebens in psychiatrischen Anstalten (zum Teil freiwillig) verbringt, ohne noch eine Note zu schreiben. Komitas, für die Armenier in der Bedeutung vergleichbar einem Johann Sebastian Bach in Deutschland. Eine „cinematographische Archäologie" ist der Film, Erinnerungsgepäck wird in das Bild geholt. Ob die Sequenzen jeweils ein Realereignis sind oder als Vorstellungsbrocken durch die Träume und Erinnerungen des kranken, müden, konsequenten Mannes ziehen, wer will es wissen. Das subjektive Zeitgefühl dehnt die Ereignisse, zieht sie an anderer Stelle auf einen Punkt zusammen. Die Vernichtungsbilder von 1915 sind in Schwarzweiß hervorgehoben. Andere Erinnerungsbilder sind von farblicher Brillanz. Kein biographi­scher Ablauf wird erzählt, das Episodenhafte und die Zeitstruktur der Erinnerung bestimmt den Rhythmus: was bleibt wichtig in einem Leben? Dabei sind viele biographische De­tails verarbeitet, von denen man mehr wissen müßte. Die inquisitorische Frage des Katholikos (des armenischen „Papstes") ,,Kannst du armenisch?" geht auf das Aufwachsen des Komitas im türkischen Umfeld zurück. Er gewann die Zulassung zum Mönchtum nur durch das Singen eines komplizierten armeni­schen Hymnus, die armenische Sprache lernte er dann in wenigen Wochen. Von den exorzistischen Riten durch die Musik müßte man wissen, bei denen der Kranke geheilt wird oder — durch Musik getötet — umfällt. Aber gerade die Ahnungen münden in dem Wunsch, an der Erfahrung dieses Volkes näher teilzunehmen. Die abgrundtiefe Trauer hält noch im Untergang die Würde des Men­schen und die Schönheit der Kultur fest. Das Schlußbild gerinnt zur Initiale eines Buches: Ein Lamm in einem Torbogen, ein Mädchen, ein Tänzer auf einem Seil, das immer höher in den Himmel zu schweben scheint. Wird am Ende noch eine neue, eine hoffnungsvollere Seite aufgeschlagen?

Der zweite Film, avetik, hat eine ähnliche Struktur, ist aber aggressiver. Auch hier die Gedächtnisbilder im Exil, die Erinnerungen eines armenischen Dokumentarfilmers, der in Berlin „eine Adresse hat". Betörend sinnliche Bilder von der erwachenden Sexualität des jungen Avetik sind das, aber auch die apoka­lyptischen Visionen und Erfahrungen der Ver­nichtung. Die Welt ist aus den Fugen, die Natur wie die Geschichte: in der Eiswüste fliegen die Eisenstücke umher, und hinter den Flammenwerfern und Panzern erscheinen die Krieger wie Menschen vom Mars. Natürli­cher und geschichtlicher Untergang fließen ineinander: es ist offenkundig die Meinung vieler Armenier, daß das große Erdbeben von 1988, das der Dokumentarfilm zeigt, durch unterirdische Atombombenversuche der Rus­sen ausgelöst worden ist. Dabei erwächst aus der natürlichen Überwucherung (die Bienen im Cello) noch ein neues Leben; die kriegeri­sche Zerstörung setzt nur noch Wüste aus sich heraus frei. Dazwischen immer wieder die Gegenbilder einer anderen Welt, etwa die kraftvollen cinematographischen Metaphern eines mittelalterlichen armenischen Dichters, Nahapet Kutschak, in der Sicht von Avetik. Am Ende wird eine alte Geschichte von 1915 erzählt: eine Tür, ein Grabstein und eine mannshohe Buchseite wandern auf dem Rücken der Familie ins russische Exil. Geret­tet wie durchs Feuer.

Die Filme Don Askarians stellen, gerade durch ihre Einheit von Ethik und Ästhetik, vor tiefgreifende Fragen. Heben sich hier Form und Inhalt nicht gegenseitig auf, muß diese komplexe Weltsicht nicht reduziert wer­den auf das Maß des Menschlichen, auch auf das Maß des veränderbaren Lebens? Aber Don Askarian ist kein naiver mittelalterlicher Künstler; er stellt seine metaphysischen Fra­gen am Ende eines Zeitalters der Metaphysik. „Ihr habt uns nicht nur die Möglichkeit zu leben, sondern auch die zu sterben genom­men", hält Avetik dem König Artasches vor, der zu ihm mit einem Pferd in das Berliner Zimmer reitet. „Hat unser Christentum uns so willenlos, so ekelhaft weich gemacht?"

Und doch macht gerade das Christentum den Reichtum und die Schönheit dieser Kultur und dieser Menschen aus. Das ist die Kierkegaardsche „Krankheit zum Tode": nicht leben und nicht sterben zu können. Und die doch die ethische Verbindlichkeit nicht leug­net, sondern gerade im Durchhalten der nationalen und persönlichen Aporien auf der Suche ist nach einem anderen Weg.

Es wird seine Zeit brauchen, bis wir mer­ken, daß wir mit Don Askarian einen bedeu­tenden Filmemacher in unserer Mitte haben. Seine Filme werden sich die Zeit nehmen, die sie brauchen. Am Ende werden Filme dann doch ihren Erfolg nicht mit der Lüge und der Anpassung, sondern mit der Wahrheit haben. Hans Werner Dannwski

Die direkten und indirekten Zitate von Don Askarian stammen aus einem Filmseminar mit ihm über seine beiden Filme, das am 13. November 1993 im Kommunalen Kino in Han­nover stattfand.