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"Der Tagesspiegel" 23.11.1993

Herr der Steine
Die Filme des armenischen 
Regisseurs Don Askarian

Eine persönliche Begegnung mit Don Askarian, von dem innerhalb weniger Wochen zwei Filme in Berlin angelaufen sind, widerlegt die weit verbreitete Annahme, man könne von der Stimmung eines Films auf die Stimmung des Regisseurs schlie­ßen. Die Protagonisten des armenischen Künstlers sind verschlossene, unrettbar schwermütige Menschen, die die Tragö­dien ihres Volkes - das türkische Massaker von 1915, das Erdbeben von 1989, der Bür­gerkrieg - nicht bewältigen können und im Exil dahinvegetieren; der Meister selbst, 44 Jahre alt und seit 1979 in Berlin ansässig, ist auf den ersten Blick als Genie­ßer zu erkennen und bestätigt diesen Ein­druck auch im Gespräch. „1975-1977 Ge­fängnis" steht ganz lapidar in seinem Le­benslauf.

Askarian bewältigt die Tragödie seines Volkes mit seiner Lebenskraft - und mit der Kunst. Die lästigen Tarkowskij-Vergleiche nimmt er inzwischen gelassen hin, zumal vergleichswütige Feuilletonisten auch schon die Namen Bunuel, Saura, Breughel, Dali und Bergman genannt ha­ben. Solche Vergleiche, auch wenn sie gut gemeint sind, laufen auf eine Rechtferti­gung hinaus, und die hat er nicht nötig.

Selbst ein geselliger Mensch, zeigt er in „Komitas" (1988) und „Avetik" (1992) die Sprachlosigkeit seiner Figuren. Der Mönch und Komponist Komitas, der vor der Jahrhundertwende auch in Berlin stu­diert hat und nach dem Massaker von 1915 keine Musik mehr schreiben konnte, ver­brachte den Rest seines Lebens in einer französischen Heilanstalt, während der Filmemacher Avetik in Berlin isoliert vor sich hinlebt. Beide Männer klammern sich an ihre Erinnerungen, an die Wälder und verschneiten Berge ihrer Heimat.

Askarian zufolge hat kaum ein Zuschauer beide Filme gleich gut bewertet - ein Eindruck, den der Verfasser dieser Zeilen gut nachvollziehen kann. Wenn in „Avetik" Steine einen schneebedeckten Hügel hin­abrollen oder Nebelschwaden aufsteigen, dann wirkt das mehr gestellt als gezaubert. Die Bildeinfälle verselbständigen sich; Bewunderung für die Tricktechniker er­setzt die vom Regisseur beabsichtigte Trance. Und die Zahl der Schnitte - 471 Einstellungen - sorgt für eine Hektik, die der Poesie der Bilder zuwiderläuft.

Ganz anders „Komitas", der mit seinen 56 Einstellungen dem Auge mehr Ruhe gönnt und zudem über einen Protagonisten ver­fügt, mit dem die Identifikation leichter fällt. Hier wird weniger und zugleich mehr geboten - weniger Bilder, auf die man sich dafür um so besser konzentrieren kann, um in ihnen unerwartete Reichtümer zu ent­decken. Eine Widmung an die Opfer des Völkermordes, zeigt der Film keine direkte Gewalt, denn das hätte eine Identifika­tion des Regisseurs mit den Tätern erfor­dert. Statt dessen zeigt Askarian die Spu­ren der Gewalt - und er erweckt tote. Ge­genstände zum Leben, schenkt Steinen dieselbe Aufmerksamkeit wie Gesichtern; in einem Bild scheinen sogar Körpersäfte aus einer brüchigen Wand zu fließen. Er zeigt die Schönheit der armenischen Land­schaft und Kultur, er klammert sich fest an Menschen und Häuser, von denen wir wis­sen, daß sie im nächsten Moment vernich­tet werden. Askarian ist ein Meister der Improvisation, die man im Film nicht mehr als solche erkennen kann. Die Präzision, mit der innerhalb einer einzigen Einstellung Regen einsetzt und wieder aufhört, legt die Vermutung nahe, Askarian beherr­sche neben der Kamera auch noch die Na­tur.

Es ist zu befürchten, daß die Filme „Ave­tik" und „Komitas" sich gegenseitig im Weg stehen und sich Zuschauer nur einen von beiden ansehen; verleihtechnisch war eine andere Terminierung nicht möglich. Immerhin hat das Publikum von „Komitas", seine geringe Zahl durch Applaus wettgemacht. Allein schon der Respekt des Regisseurs vor dem menschlichen Auge ist ein Grund, sich sein Werk anzusehen. Hier hat man noch die Möglichkeit, selbständig Bil­der zu erforschen, anstatt ihnen hilflos ausgeliefert zu sein.

Frank Noack