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| Kritiken - Deutsch | |
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18.SEPTEMBER1988 Peter W. Jansen
Letzte
Versuchungen, neue Hoffnungen Abschlußbericht vom Filmfestival am Lido von Venedig
Interessanter,
aufregender aber waren diesmal und zumal in den letzten Tagen Filme, die
eine Politik der Sprache sprechen; Filme, die mit dem Zuschauer politisch
umgehen, weil sie ihn ernstnehmen
und
fordern. Wieder einmal richtet sich der Blick vor allem auf sowjetische,
auf russische Filme oder Filme, die „russisch" inspiriert sind.
„Komitas", von dem Armenier Don Askarian in der Bundesrepublik
gedreht, „Der schwarze Mönch" von Iwan Wladimirowitsch
Dikowitchnij aus Moskau und „Der Garten der Wünsche" von All
Kamrajew aus Taschkent zeichnen sich vor allem durch eine rigorose
Befreiung der Bildsprache von allgemeinverbindlichen Bedeutungen aus. Es
ist nichts mehr so, wie man es schon immer weiß. Dikowitchnij mag in
seiner Verfilmung einer Tschechow-Novelle der Persönlichkeitsspaltung vor
allem immer wieder das schöne, das besondere erlesene Bild oder die
Nostalgie einer versunkenen Idylle suchen; Kamrajews poetische Verklärung
von Kindheit und Jugend der dreißiger Jahre mag an Tarkowskijs rätselhaften
Film „Der Spiegel" erinnern, an ein Vor-Bild,
dem sich auch Askarian nicht entziehen kann —: entscheidend ist, daß
diese Filme nach einem anderen Zuschauer verlangen als nach dem, der nur
noch Fertigprodukte, Junk-Food, Vorverdautes verdauen kann. Askarian
spürt in seinem Film über den armenischen Dichter und Sänger Komitas,
der 1915, nach dem Genozid an seinem Volk, in den Irrenanstalten des Westens verdämmerte, den Liedern und
Erfahrungen, Bildern und Stimmen nach, die zu Armenien und
seinem großen Sänger gehören. Das ist gewiß extrem subjektiv
und bestimmt von einer subtilen Strategie der Assoziationen,
Andeutungen und Visionen, bis hin zu den Bildern vom Völkermord selbst,
die nur noch verrätselte Zeichen sind, weil Völkermord im
Prinzip nicht zu verstehen ist. Er habe sich gefragt, sagt Askarian im Gespräch, was er denn sei,
wenn er einen Mord in all seiner Bestialität naturalistisch nachvollziehe
und auf die Leinwand bringe, ein Künstler oder ein Mörder. Vielleicht
ist das ja wirklich die Frage, die ich mir auch als Zuschauer stellen
muß, Überflutet von Bildern, die alle vorhergehenden Bilder
auszulöschen trachten, überflutet von den Bildern, die mich wegschwemmen
von wieder einem Festival der Bilder. Peter W. Jansen |