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| Kritiken - Deutsch | |
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Berliner Morgenpost 5.11.93 In der Sprache einer verletzten Seele
Der armenische Spielfilm „Avetik" bezaubert durch trist-surreale Bilder
Ein alter Bauer schaut in das tote Gesicht eines in Eis eingelegten Mannes: auf der dicken Eis-decke flattert wie dessen letztes Lebenszeichen ein einsames Notenblatt. Ein großes Klavier trudelt verlassen auf einem reißenden Fluß; niemand scheint es auf seinem unheilvollen Weg aufhalten zu können. Große Panzer rollen an der Ruine einer Kirche vorbei; von dem lauten Geräusch erschüttert, blättert nun auch die letzte Farbe von den dortigen Heiligenbildern ab. Die
surrealen Bilder des armenischen Regisseurs Don Askarian verraten
Entsetzen und Trauer. Entsetzen über die leidensvolle Geschichte seines
unterdrückten Volkes, Trauer über den damit einhergehenden Verlust
einheimischer Kunst und Kultur. Der wunderschöne Spielfilm
„Avetik" ist die Sprache einer verletzten Seele. Avetik
(Alik Assatrian) ist dabei ein in Berlin lebender Armenier, dessen
Erinnerungen an die Kindheit in seinem Heimatland und Befindlichkeit als
Emigrant in der fremden Stadt strukturell den erzählerischen Rahmen für
die lose Aneinanderreihung von Szenen aus dem armenischen Leben und
inhaItlich den Spiegel für das Schicksal seines Volkes bilden. Als
Junge verbrennt Avetik in seinem armenischen Dorf mit einer Rolle
Filmschnipsel auch seinen Glauben an die Kunst, Träume zu
produzieren. Sexualität erlebt er in Form eines Rituals: Als er von
einem Baum herab auf eine nackte Frau schaut, schwenkt er eine brennende
Bienenwabe und zerquetscht in seiner Hand Honig und Waldbeeren.
Liebe und Tod sind die Begleiter seiner Kindheit. Weniger
symbolisch überhöht sind Askarians Szenen geschichtlicher
Aufarbeitung: Soldaten mit Flammenwerfern laufen wie außerirdische Wesen
durch ein totes Gebiet, an dem noch der Rauch eines vergangenen Krieges
hangt. Ein Schaf flüchtet sich vor anrollenden Panzern auf die
verbleibenden Gesteinsreste einer Kirche. Der Massenmord, den das
armenische Volk 1915 durch die Türken erlitten hatte, erscheint hier als
stilisierte Anklage. Der
hohe Verfremdungsgrad der grob in thematische Kapitel unterteilten
Szenen bewahrt denn auch „Avetik" vor aufdringlicher
Larmoyanz. Im langsamen Erzählflug gleiten die ruhigen, kunstvoll
komponierten wortkargen Bilder aus dem ländlichen Armenien am geduligen
Betrachter vorüber und lassen in der Weite der dortigen Schneelandschaft
Raum für eigene Interpre tationsmöglichkeiten. Don Askarians Streifen weckt den Glauben an die Kraft des Bildes, an die visuelle Vielfalt des Kinos, an die man im Zeitalter effektheischender Schnellproduktionen eigentlich schon gar nicht mehr glauben wollte. Ein starker Film, dem man gerade deshalb viele Zuschauer wünscht. (Filmbühne, am Steinplatz, Moviemento, Camera, Acud). Eberhard
von Elterlein |