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| Kritiken - Deutsch | |
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ADK Maerz, 1994 Manfred
Richter, Berlin
Noch einmal: Kinofilm „Avetik" „Man muß von der Poesie lernen, mit wenigen
Mitteln und wenigen Worten eine große Fülle von emotionaler Information
zu vermitteln. Im Film muß man nicht erklären, sondern direkt auf die
Gefühle des Zuschauers einwirken. Die erwachten Emotionen setzen dann
die Gedanken in Bewegung." Dieses Zitat aus andrej
tarkowskijs Buch „Die versiegelte Zeit" - don
askarjan schenkte es mir vor vielen Jahren - kann auch dessen Filmästhetik
ein Stück weit kennzeichnen. Aber so sehr TARKOWSKIJ,
auch fellini für ihn
vorbildhaft wirken, hat er sich doch, der junge Berliner Filmemacher,
seinen bereits nach wenigen Arbeiten international beachteten
individuellen Stil erarbeitet. Berg-Karabach ist eine Landschaft, die seit Jahren als Ort eines Überlebenskampfes der dortigen armenischen Bevölkerung gegenüber dem aserbaidschanischen Staat durch die Presse geht. Es ist die Heimat Don Askarians. Und von dort bringt er, seine Lebensstationen überdauernd, die tiefe Verwurzelung in den Bildern einer zwei Jahrtausende alten christlichen Kultur seines Volkes mit. In Stepanakert, der Hauptstadt Berg-Karabachs - der armenische Eigenname ist Arzach -1949 geboren, studierte er in Moskau Geschichte und Kunst. Als Regieassistent und Kritiker befaßte er sich mit der Welt des Filmes, wobei er gleichzeitig einen Abschluß an der staatskonformen Filmhochschule verschmähte. Gefängnisjahre (1975-1977) blieben ihm in der breschnjew-ärab nicht erspart, und er mußte sich mit Jobs durchbringen, bis er das Land verlassen konnte. Seit 1979 lebt er im Westen Berlins. Mit einer Verfilmung von tschechovs „Bär" mit sparsamsten Mitteln trat er erstmals
als Filmautor hervor und hatte sogleich mit zahlreichen Femsehübertragungen
Erfolg. Sein
erstes Hauptwerk „Komitas" erarbeitet er in den Jahren 1985-1988.
In dieser Priester-Künstler-Gestalt setzte er zugleich
dem Schicksal seines Volkes ein Denkmal. komitas,
der wichtige Studienjahre in Leipzig und Berlin verbrachte, hatte
begonnen, die dem Vergessen schon anheimfallende armenische geistliche und
populäre Musiktradition zu sammeln und aufzuzeichnen. Er ist einer der
beiden Neugestalter der liturgischen Musik seiner Kirche. Als das
Genozid an seinem Volk am 24. April 1915 mit auch seiner Verhaftung in
Istanbul einsetzte und er - zwar selbst befreit - die unsäglichen Leiden
der armenischen Bevölkerung erleben mußte, verfiel er in geistige
Umnachtung und verbrachte bis zu seinem Tode zwanzig Jahi?c }n
psychiatrischen Kliniken in Paris. Der ganze Film ist aus dem Aspekt der rückblickenden
Erinnerung in seinem Krankenzimmer gestaltet. Ein Kennzeichen seiner
Filmsprache ist dabei schon herausgearbeitet: In knappsten Szenen wird
der Leidensweg eines ganzen Volkes verdichtet. Zwei verstümmelte
Leichen, die im Wasser treiben, ein Mütterchen, das verzweifelt die
Erde schlägt, hinter einem Chatschkar, dem armenischen Gedenk- und
Grabstein, verborgen, während die mörderischen Horden auf ihren Pferden
über das Grabfeld trampeln. „Komitas"
wurde bereits auf fünfundzwanzig internationalen Filmwettbewerben wie
Venedig, Rotterdam, Toronto und New York gezeigt und erhielt unter anderem
den Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken. Nach einem Dokumentarfilm über
die sogleich mit der Selbstbestimmungsforderung Arzachs gegen die Region
eröffneten Vertreibungskämpfe (1988) kommt jetzt in Deutschland und
international „Avetik" in die Kinos. Autobiographisch die Züge.
des Protagonisten -eines in Berlin lebenden jungen Mannes mit Herkunft aus
der Arzacher Berg- und Kulturwelt. Das Problem des
interkulturellen MißVerstehens und doch elementarer mensch- . heitlicher
Grundbefindlichkeiten kommt indirekt großartig zum Ausdruck. Bei
don askarjan gibt es - anders
auch als bei tarkowskij -
keinen nacherzählbaren Handlungsablauf „Die 'Realität* ist weder das
Thema noch das Ziel der wahren Kunst, weil sie ihre eigene Realität
kreiert, die nichts Gemeinsames mit 'mittlerer Realität' - zugänglich
dem kollektiven Auge - hat." Der mit knappen Titeln wie „avetiks
Kindheit" unterteilte langsame Fluß dichtester Szenen - die
Bildenergie läßt bis zum Schluß nicht nach - gibt nicht mehr als
Atempausen dem Auge. Die „Logik" des Fortgangs wird durch die
Erinnerung, den Traum, die Bildmeditation bestimmt: Das Bild, und zwar
von Gegenstand, Mensch, Kunstwerk, Tier und Natur in ihren
verschiedensten Zuständen, erhält die Freiheit, sich auszusagen. Die
Kamera (gagik avakian, martin
gressmann, andreas sinanos), die unter extremen Bedingungen
aufnahm, verweilt in unenrdlicher Suche der Tiefe (oder des Abgrunds) der
Dinge. Deutungsschemata (für Feuer, Wasser, Fluß, Starre, Farben,
intensive Geräusche etwa von S-Bahn, Straße, die entkettete
menschliche Stimme in den Gesprächen, auch klassische Musikteile) greifen
schnell zu kurz. „Ist es ein ethnischer Film?" wurde don askarjan gefragt. Eine naheliegende Frage, wo man mit Alltag in der Berlin-Fremde ein Kompendium armenischer Kultur in der Wohnungsausstattung avetiks und in den Bildern seiner Erinnerung mitbekommt. Aber er antwortet: „Nein." Gewiß, es ist das Medium seiner persönlichen Bildsprache. Aber er vertraut darauf, daß sie menschheitlich „verstanden" wird. Und das beweist auch sein Erfolg in Brasilien, den USA, Japan und verschiedenen Kulturen Europas: das Erwachen der Sexualität im Jungen avetik, Riten, die Dichterworte zur Liebe auslösen, die Träume avetiks und seine Albträume. Mancher erwartet zeitgeschichtliche „Action", auch in der Erinnerung an den Genozid. Ist er unpolitisch? Auch das gewiß nicht. Obwohl er es sagt. Das Erdbeben ist im Nachrichtenbericht, die Militäraktionen in der Vertreibung der letzten Dorfbewohner präsent: Diese tragen, wie Armenier seit eh und je, einen illuminierten Bibeldruck, eine Kirchentür, einen Chatschkar mit sich als letzte Habe weg - von der Müllkippe ihrer zerstörten Heimat. Versteht das nicht - mensch? |